Die kommende Kündigungswelle

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November 12, 2021
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Ein guter Freund sinnierte gestern mit anderen Freunden von mir über die Situation auf der Arbeit und schrieb mir heute:

Wie man es auch dreht und wendet: Corona ist auch ein Lackmustest für Unternehmen in ihrer Rolle als Arbeitgeber. Anhand der vierten Welle lässt sich das hervorragend nachvollziehen.

Denn Unternehmen und Organisationen, denen am Wohl ihrer Mitarbeiter/-innen etwas liegt, haben schon vor Wochen überall dort, wo es möglich ist, ihre Leute kategorisch wieder ins Homeoffice geschickt und Präsenzveranstaltungen untersagt. Das hat selten etwas damit zu tun, dass diese Unternehmen herausragend schlau wären. Viel mehr schauen diese Unternehmen sich ausgehend vom Wunsch, die eigenen Leute nicht zu gefährden, ihr Corona-Handling dort ab, wo es funktioniert.

Unternehmen beispielsweise, die sich an Israel orientieren, werden ihre Leute frühestens bei flächendeckender Booster-Impfung der eigenen Belegschaft wieder in die Büros rufen, falls überhaupt. Unternehmen hingegen, die sich an den Richtlinien der deutschen Bundesregierung orientieren, pochen oft seit Wochen schon darauf, in die sich aufbauende vierte Welle hinein die Anwesenheitszeiten in den Büros zu erhöhen.

Das ist tragisch, weil es so vorhersehbar katastrophale wie vermeidbare Folgen haben wird. Wer Leute notlos in den ÖPNV zwingt, obwohl sie nicht geboostert sind, exponiert sie unnötig einem erhöhten Risiko. Wer Leute notlos ins Büro ruft, obwohl diese nicht impfbare Familienmitglieder im selben Haushalt haben, exponiert sie unnötig einem erhöhten Risiko. Unternehmen, die so agieren, machen sich schuldig.

Die Menschen in diesen Unternehmen sollten das Corona-Handling ihres Arbeitgebers jedenfalls genau beobachten. Wer die Belegschaft unabhängig vom Impfstatus wieder ins Büro ruft, betreibt das Geschäft der Impfgegner. Denn dann entsteht der Eindruck, der Impfstatus sei im Wesentlichen egal. Wer nur geimpfte Menschen notlos ins Büro ruft, schafft dadurch indirekt sogar Incentives für Impfgegner, weil Homeoffice dann zu einem Privileg für diese wird.

Beides wäre unerträglich. Und Menschen in diesen Firmen sollten ihren AG durchaus wissen lassen, dass das unerträglich ist. Falls alle Stricke reißen: Kündigen und Namen der Manager notieren, damit man in deren Fängen sicher nie mehr landet.

Bei den Amis heißt das The Great Resignation :

The COVID-19 pandemic has allowed workers to rethink their careers, work conditions, and long-term goals. As many workplaces attempted to bring their employees in-person, workers desired the freedom to work from home given during the pandemic. With telecommuting also came schedule flexibility, which was the primary reason to look for a new job of the majority of those studied by Bankrate in August 2021. Additionally, many workers, particularly in younger cohorts, are seeking to gain a better work–life balance.

Das ist die mildeste Formulierung, die ich gefunden habe.

Tatsächlich arbeiten “wir” im März 2022 seit 2 Jahren von zu Hause und/oder unter Pandemie-Bedingungen, und außerhalb der traditionellen Bürostrukturen und -hierarchien. Einige Firmen haben sich anpassen können. Von denen hat keine ein Problem mit Churn oder Hiring, also damit, Personal halten zu können und neues anzuwerben.

Es sind die Läden, die die Realität der vergangenen 2 Jahre negieren, die jetzt bluten, und zwar vom Kopfe her. Und Mitarbeiter, die seit 2 Jahren bewiesen haben, daß sie sehr gut und erfolgreich arbeiten können,

  • ohne daß sie jeden Tag 2 Stunden im Berufsverkehr verschwenden,
  • ohne daß das Kind als Schlüsselkind nach Hause kommen muss,
  • ohne daß ihnen das Management auf die Bildschirme glotzt,
  • und ohne daß sie 3 von 8 Stunden pro Tag in Meetings zu bringen, von denen für sie maximal 20 Minuten relevant sind,

solche Leute brechen jetzt auf - in Firmen, die anders arbeiten, in Berufe, die das nicht notwendig machen oder in ein Umfeld, das weniger dem späten 19. Jahrhundert verhaftet ist. Die Zukunft der Arbeit ist gerade angekommen, und die Leute ziehen um.

Gerade bei den Wissensarbeitern ist das so:

Ich habe 5 Jahre studiert und danach 3 Jahre Projekte gemacht und Dir jetzt gerade 2 Jahre lang bewiesen, daß ich mich selbst organisieren kann, und jetzt willst Du mich im Büro haben, damit Du Dich nicht so alleine fühlst?

Kann man machen. Nicht schlau. So gar nicht.

Edit: Nachtrag.

Jemand schickt mir diesen paywalled link zur SZ , von dem eh nur der Anreißer interessant ist. Der Artikel beschreibt unter dem Begriff “Overemployed” Personen, die im Homeoffice so effizient sind, daß sie zwei bezahlte Vollzeitstellen besetzen, ohne Wissen der jeweiligen Arbeitgeber.

Das geht natürlich nur mit David Graeber’s Bullshit Jobs , aber es ist natürlich auch ein Zeichen dafür, daß die Arbeit, die diese Personen ausführen weder produktiv, noch notwendig noch sinnstiftend ist.

Ich antwortete mit

Ich kann nur den Teaser lesen, aber das ist das, was wir im Informatik-Studium Semester 2 (und 4) gemacht haben. Also 3 Leute in die Inf 2 Vorlesung schicken, parallel 3 Leute in Inf 4. Mit dem Rest (gut 20 Leute, Rotationssystem) die Vorlesungen von 2x 90 Minuten in 45 Minuten durchziehen, und dann in 45 Minuten die Aufgaben machen. Das hat sehr, sehr böses Blut gegeben

Die Antwort war:

Dafür hatten wir [bei uns] die Mitschriften AG. Etwas anderer Studienablauf bei Nicht-Informatikern.

Edit: Nachtrag.

Einige Arbeitgeber insistieren dringend, daß “Mitarbeiter wenigstens einen Tag in der Woche im Büro sind”, ohne das näher zu begründen.

Bohrt man unauffällig und inoffiziell nach, heißt es “Wir haben sehr viele Expats, und wenn die statt von hier von ihrem Heimatland aus arbeiten, dann kommen wir von der Unternehmenssteuer her in Teufels Küche.”

Unter Umständen sollte man hier offener kommunizieren, und dann versuchen, kooperativ Lösungen zu finden, denn unerklärliches blockierendes Verhalten eines Arbeitgebers ist in diesem Zusammenhang nicht produktiv und führt wieder zur Kündigungswelle.

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