Kinder und visuelle Medien

isotopp image Kristian Köhntopp -
May 28, 2019
a featured image

Ich habe ein Kind, es ist neun Jahre alt.

Mit drei Jahren stand das Kind vor dem Fernseher und hat mit beiden Händen versucht, das Bild größer zu ziehen, wie es das als Handygeste gewohnt war.

Mit sechs Jahren hat sich das Kind über das Fernsehen beklagt, weil man ein Live Programm nicht anhalten kann, um in Ruhe auf das Klo zu gehen, und auch nicht rückspulen kann. “Außerdem ist das blöd, wenn man Sachen nicht anhalten und zum später gucken zurücklegen kann. Dann bestimmt einen der Fernseher so doof.”

Mit sieben hat sich das Kind iMovie beigebracht und angefangen, Videos vom Handy auf das 2010er MBP zu laden, das ich ihm als ersten Computer gegeben habe. Wohlgemerkt, nicht ich habe ihm iMovie beigebracht, das hat das Kind alleine getan. Ich habe dann iMovie lernen müssen, um mitzureden.

Mit acht hat das Kind angefangen, auf Netflix und Youtube aufgeschnappte visuelle Erzählstrukturen und dramatische Redewendungen wie “Schnitt/Gegenschnitt”, Foreshadowing von Ton/Bild, Bild/Ton Schere, Standard-Perspektiven und simple Spezialeffekte (iMovie Greenscreen, Stop Motion) einzusetzen und mit Freunden zusammen Ghetto-Style Filme zu produzieren. Weil mehr Rollen als Kinder da waren, wurden Rollen mehrfach besetzt, dabei war die Rolle des Kindes durch die Kleidung leicht zu erkennen, und wieder kamen iMovie-Spezialeffekte zum Einsatz…

Zum Teil wurden dabei Videospiel-Erlebnisse nachgestellt, oder Film-Erlebnisse als Kurzfilm nachgestellt, zum Teil wurden diese Dinge als Ausgangsbasis für eigene Geschichten genommen. Handlung, Dramaturgie und Pacing wurden dabei als Notwendigkeiten selbst entdeckt (“Nein, die können nicht einfach so ankommen, da muß unterwegs noch irgendwas passieren, sonst ist es langweilig.”) und Fragen nach der Motivation und dem Character von Figuren haben sich auch von selbst ergeben (“Aber wieso macht der das? Du würdest das machen, aber Mehmet nie…”).

Das Kind spielt Transport Fever, ARK Survival, Jurassic World: Evolution und ähnlich. Szenen aus Videospielen dienen als Vorlage oder als Hintergrundbild in Greenscreen-Tricks. Youtube wird konsultiert, um zu verstehen, wie das Spiel geht, wie Probleme zu lösen sind, oder wenn es nicht weitergeht. Es gibt eine Liste von Standard-Youtubern, die abonniert sind und die regelmäßig gesehen wird, um neue Tricks zu lernen. Auch beim Basteln und Handwerken werden Youtube-Maker-Videos quasi automatisch als Vorlage konsultiert.

Fernsehen wird über die Schule ebenfalls via Youtube konsumiert: NOS Jeudgjournaal und vergleichbare Dinge werden mindestens einmal pro Tag in der Schule gesehen und dienen als Ausgangsbasis für eine Diskussion in der Klasse.

Wir haben einen Fernseher im Haushalt, im Wohnzimmer, an einem Mac mini und einer Chromecast, sowie einer Settop-Box, weil die mit dem Internet-Anschluß im Haus mitgekommen ist. Gesehen wird auf iPads oder Laptops, gemeinsam ins Bett gekuschelt, oder im Wohnzimmer - aber dort dann in der Regel auf dem Mini, Netflix, Amazon prime (Es gibt Pumuckl auf Amazon prime!) und wieder Youtube, oder vom lokalen Fileserver gestreamed. Der lineare Fernsehkonsum des Kindes seit seiner Geburt in 2010 ist vermutlich keine dreistellige Anzahl von Stunden.

Das ist keine ungewöhnliche Kindheit. Die Kinder, mit denen unser Kind spielt, aus der Schule, aus dem Chor oder der Geigenstunde, und vom Schwimm-Unterricht, zeigen dieselben Interessen und Verhaltensweisen. Manche sind mehr Teil der Game-Szene und nutzen Youtube als Input oder Output für ihre Computerspiel-Aktivitäten. Andere sind mehr Videokinder und nutzen Games als Quelle für Bildmaterial oder als Szenenbildner/Machinima-System.

Viele Kinder sind visuell kreativ aktiv, alle Kinder sind Cordcutter, die faktisch kein lineares Fernsehen wahrnehmen. Video- und Spielkonsum sind (im Rahmen der elterlichen Grenzen) selbstbestimmt und selbstgewählt. Inhalte werden verarbeitet, diskutiert und re-produziert, variiert, integriert und weiter auf-, um- und verarbeitet.

Die Frage ist eigentlich nich: “Wieso Rezo?” Sondern: “Wieso erst jetzt?” Und wieso hat sich der öffentliche gesellschaftliche Diskurs so von der U30-Generation entfremden können. Die Personen, die in der BILD diskutiert werden, oder die auf https://www.unterstuetzt-merkel.de/prominente (https://www.cdu.de/impressum : AKK, Paul Ziemiak) zitiert werden, haben exakt keine Berührungspunkte mit dem Leben der U30-Generation. Sie sind in der Welt dieser Personen UNSICHTBAR - und umgekehrt.

Das ist total kaputt und total faszinierend.

Share
Previous Post
Mozilla und IRC