Du weisst nichts von Homeoffice

isotopp image Kristian Köhntopp -
January 7, 2019
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In Recht auf Homeoffice schreibt Golem:

Das SPD-geführte Bundesarbeitsministerium plant ein gesetzlich verankertes Recht auf\ Home Office.

Und alle brüllen “Jaaaa!”. Ich glaube, den meisten ist gar nicht klar, auf was sie sich da einlassen und wie sich eine Home Office First-Firma anfühlt. Wie dem auch sei: Die Firma, in der Ihr gerade arbeitet, kann so mit Home Office vermutlich nicht gut funktionieren.

Ich habe von 2005 bis 2008 für MySQL AB gearbeitet, und das war eine Firma, die Home Office First war. Das war eine sehr andere Arbeitsumgebung als die, die ihr in Eurem Job vermutlich habt. Wir waren circa 500 Mitarbeiter in drei Dutzend Ländern überall auf der Erde. Es gab einen Firmensitz in Kalifornien und einen irgendwo in Skandinavien, aber dort war nie jemand (im Büro in Kalifornien waren ein paar Leute mehr, weil die dort den Börsengang der Firma vorbereitet haben).

Als Mitarbeiter hatte man einen gesonderten Raum daheim zu haben, der als Büro dient. Die Firma hat einen gewissen Betrag pro Jahr (2500 Euro) bereitgestellt, um diesen Raum auszustatten oder zu verbessern. Das schließt Arbeitsmaterial (Laptop) wie Büroausstattung (Stuhl, Tisch, etc pp) mit ein.

Weil es faktisch keine Firmenräume gab, gab es auch kein Firmen-VPN, denn das hätte den Zugang erschwert. Stattdessen gab es einen Haufen Webdienste, über die die Kommunikation stattfand. Diese waren verschlüsselt und mit einem Single Sign On versehen, aber generell von überall zugänglich von wo aus man eine TLS Verbindung bekommen konnte.

Alle Diskussionen, internen Abstimmungen, Meetings, und Ergebnisse wurden über diese Webdienste, Skype, IRC und andere Online-Medien getroffen. Die Arbeitszeiten waren oft schräg, weil die Firma über alle Zeitzonen der Erde verteilt war. Und das heißt, man mußte schon mal um 3 Uhr morgens ran, um ein Meeting mit Leuten in Shanghai, Moskau und in Kalifornien gleichzeitig zu haben – da gibt es einfach keine gute Zeitzone für alle.

Meetings über Videokonferenzen und Chatmedien sind schwierig, und Diskussionen über Mailinglisten sind oft hitzig und schwerfällig zugleich. Es war notwendig, bestimmte Formen zu entwickeln und mit Leuten einzuüben. Wenn man Leute aus einem Präsenzumfeld in eine Home Office Umgebung wirft, sind sie zunächst orientierungslos, unter Druck und einsam gleichzeitig. Sie müssen an die Hand genommen werden, und man muß Ihnen Methoden und Formen aktiv zeigen, die ihnen erlauben, in so einer Umgebung zu funktionieren und sinnvoll zu kommunizieren.

Am schwierigsten ist der Umgang mit der Tatsache, daß es keine Serendipität und keine aufwandslose Kommunikation gibt. Diese Dinge, die man in Präsenzfirmen “nebenbei” mitbekommt, seitwärts, top-down und bottom-up, kommen in Home Office First Firmen nicht nebenbei. Jeder, Management, Teamleiter, aber auch jeder einzelne Mitarbeiter, müssen lernen, daß jede Kommunikation einen Aufwand und Energie kostet, und man sich das Messaging genau überlegen muß. Tut man das nicht, wird Zusammenhalt und gerichtete Aktion einem Firmenverbandes schwierig.

Zentral in MySQL waren übrigens die verschiedenen All Hands und Department Meeting Veranstaltungen. Zweimal im Jahr hat sich gesamte Firma an einem Ort getroffen (meistens ein Fünf Sterne Hotel in einem gut erreichbaren Land mit entspannter Visa-Situation, in der Nachsaison), und zweimal im Jahr haben sich gesamte Abteilungen getroffen. Auf diesen Events (jeweils drei bis fünf Tage) haben wir uns kennengelernt, ein Netzwerk aufgebaut, zusammen Kurzprojekte (“Hackathon”) durchgezogen und natürlich auch gefeiert. Zusammen mit anderen Treffen hatte man so in etwa alle zwei Monate ein Gruppen-, Abteilungs-, oder Firmentreffen. Alles in allem nicht wirklich eine Verbesserung der finanziellen und der CO-Bilanz, aber notwendig um eine funktionierende Gruppe zu schaffen.

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