Ein früher Teil meines Lebens, der vor dem Commodore 64 stattgefunden hat, besteht darin, Büchereien durchzulesen. In der ersten und zweiten Klasse war das die Schülerbücherei meiner Grundschule in Russee, und nach dem Umzug nach Heikendorf waren es dann die Schulbüchereien der dortigen Grundschule und des Gymnasiums und die Stadtteilbücherei am Dorfplatz, an dem wir praktischerweise gewohnt haben.

Schnell kam ich darauf, daß man schneller und früher an Bücher kommt, wenn man der Bibliothekarin hilft und in der Bücherei mitarbeitet - Einsortieren von Rückgaben, Einschlagen von Neubeschaffungen, Bestelllisten in Beschaffungsformulare übertragen und am Ende dann halt Bestelllisten befüllen: Mühsam arbeitet sich das Eichhörnchen nach vorne in der Queue.

Eines der Bücher aus dieser Zeit, die mir immer wieder in den Sinn kommen, wenn ich dieser Tage Kontakt mit der Realität habe, ist Ypsilon minus. Die dort beschriebene Gesellschaft könnte Sozialismus sein, denn für alle Menschen dort ist ihrer Befähigung nach gesorgt, oder Kapitalismus, denn alle Menschen dort werden quasi-perfekt ausgebeutet, vor allen Dingen ist sie aber (1976!) eine perfekte Big Data-Vorwegnahme, ein Tanz mit der Idee, daß, wenn wir alles über jeden Wissen, den Zufall ausschalten und die Gesellschaft steuern können. Ob das nun eine unsichtbare oder eine staatliche Hand macht, ist für den Ausgang quasi egal.

Und so kommt es, daß in Ypsilon minus alle Bürger halb automatisch, halb manuell durchleuchtet und nach ihrer Nützlichkeit für die Gesellschaft bewertet werden. Dieses Rating ist durchaus vielschichtig und sehr komplex, aber am Ende kommt ein Skalar raus - ein Kennbuchstabe von A bis Z. “Ypsilon minus” ist der gesellschaftliche Schrott, der durch das Raster fällt.

Ben ist ein R - “Ben Erman” - und ein Rechercheur, der Daten für die Bewertung von Menschen zusammenträgt und erfaßt. Eines Tages bekommt er in einer PK Dick-haften Wendung (“A Scanner Darkly” erscheint aber erst ein Jahr später, 1977) den Auftrag, sich selbst zu durchleuchten und zu recherchieren und stößt dabei auf eine Zeit von einigen Jahren, an die er sich nicht selbst erinnern kann und auf Leute, von denen er nicht weiß, daß er sie kennt.

Es stellt sich heraus, daß die Welt nicht immer so war, wie sie war, und daß die jetzigen Machthaber vor nichts mehr Angst haben als vor dem Unberechnenbaren und dem nicht Vorhersagbaren (ein Thema, das viele Jahre später Tom Hillenbrand in Drohnenland noch einmal aufgenommen hat).

Einen Scifi von 1976 in 2016 zu lesen ist gleichzeitig eine Reise in die Zukunft, in die Gegenwart und in die Vergangenheit, in die von Erman und in meine eigene. Ich habe beim besten Willen keine Idee, wie diese Geschichte auf Euch wirken wird, denn sie ist bei mir durch meine eigenen Kindheitserinnerungen gefärbt, aber… Hey, Herbert W. Franke. Es wird schon passen.

Ypsilon minus”, Herbert W. Franke, EUR 5.99