Seitdem ich für Geld andere Leute glücklich mache bin ich immer wieder einige Jahre auf der Walz gewesen, und habe mich als Angehöriger des fahrendes Volkes als Projektkraft bei wechselden Auftraggebern verdingt, um danach wieder einige Jahre fest in einem Laden angestellt ein wenig seßhafter zu werden, Kraft zu tanken und das Gelernte zu verarbeiten. Eine der Sachen, die ich mich dabei immer wieder fasziniert haben sind die unterschiedlichen Arbeitsstile der verschiedenen europäischen Kulturen.

Vielleicht ist meine Sample-Größe zu klein, vielleicht ist meine Auswahl von anderen Faktoren beeinflußt, aber ich bin zu der festen Überzeugung gelangt, daß zum Beispiel britische Firmenkulturen durch einen gemeinsamen Feind, eine gemeinsame Zumutung zusammengehalten werden.

In jeder britischen Firma, in der ich jemals gewesen bin, gab es einen Umstand, der vollkommen unerträglich war und den jeder, der dort gearbeitet hat, auf das Blut gehaßt hat. In einer Firma zum Beispiel war es ein Ansagensystem, das den Leuten circa einmal pro Stunde durch eine für den weitaus größten Teil der Mitarbeiter nutzlose Ansagen jeden sinnvollen Gedanken aus dem Hirn geblasen hat, Meetings unterbrochen und Redeflüsse gestört.

In einer anderen Firma befand man sich in einem Gebäude, das seit mindestens 2 Jahren im Zustand der Renovierung und des Umbaues befindlich war, Stockwerk für Stockwerk. In einer dritten Firma befand man sich in einem viktorianischen Stadthaus in einem der feinsten Viertel von London, aber mußte in den Tiefpaterre-Räumen des Dienstbotentraktes zusammengepfercht arbeiten - und vierteltypisch einige Meilen weit gehen oder fahren, um ein Mittagessen oder auch nur eine Flasche Kakao in einem Cornershop kaufen zu können.

Aber niemand hat jemals einen Versuch unternommen, diese Sache zu verbessern oder gar abzustellen. Stattdessen wurde geredet, sich beklagt und gegenseitig bemitleidet. Abhilfe wäre kontraproduktiv gewesen, denn dann hätte man der Gruppe die gemeinsame Identifikation weggenommen, die sie zusammengeschweißt hat.

Beeindruckt haben mich viele skandinavische Firmen. Auf irgendeine Weise hat man dort einen Weg gefunden, mehr zu schaffen als in vielen anderen Firmen, die ich gesehen habe, und gleichzeitig die Arbeit so zu organisieren, daß niemand davon genervt ist. Zusammenhalt wird dort auf eine andere, wesentlich schmerzfreiere Weise generiert.

Das fängt schon auf eine subtile Weise am Morgen an:

In vielen dieser Firmen stellt der Arbeitgeber ein Frühstücksbuffet. Da es kostenlos ist, essen die meisten Leute nicht daheim, sondern bringen die Kinder in die Schule oder den firmeneigenen Kindergarten und gehen dann in die Kantine zum Essen. Am Buffet säbelt man sich einige Scheiben Brot herunter, greift sich Butter, einen Klecks Marmelade oder eine Scheibe Wurst und einen Pott Kaffee und setzt sich dann gemeinsam mit den Kollegen auf eine Bank. Man erzählt sich von gestern abend, von den Kindern oder dem Theaterbesuch, oder daß man Segeln gewesen ist. Langsam, aber fast von selbst driftet das Gespräch zum heutigen Tag und was passieren wird - wer was ausprobieren wird, was fehlt, und was von einem selbst erwartet wird, damit die anderen Mitglieder des Teams weiter arbeiten können.

Der Übergang ist subtil, aber automatisch und er findet jeden Morgen statt. Nach dem Frühstück sind irgendwie alle gebriefed und haben im Kopf eine Liste von Dingen, die an diesem Vormittag weggehauen werden müssen, damit es voran geht. Natürlich trifft man sich zum Mittagessen wieder, und tauscht dort Ergebnisse aus, verabredet sich zu Besprechungen oder Präsentationen und plant so gemeinsam beim Essen den Nachmittag.

Aber auch das Arbeiten in Gruppen ist dort anders, auf eine sehr angenehme Weise. Ein Freund von mir aus Deutschland, Olaf Schlüter, hat vor vielen Jahren einmal den Spruch geprägt: “Team ist, wenn von sechs Leuten zwei Arbeiten. Wenn das immer andere Zwei sind, dann funktioniert das Team.” Das ist, auf eine Weise, präzise die Beschreibung dieser Arbeitsweise.

Typischerweise haben wir dort zu sechs Personen, plus/minus ein paar, zusammengesessen. Zwei haben rumgekaspert - würde man es formalisieren, würde man es als Brainstorming bezeichnen. Zwei andere haben Dinge vorbereitet - würde man es formalisieren, wäre es Pair Programming oder eine Verallgemeinerung davon. Und zwei weitere haben etwas vorgeführt, umgesetzt oder sonstwie etwas getan, das ein klassischer Beobachter “arbeiten” nennen würde. Nach einer Weile durchmischt sich das, alle tauschen die Plätze, reden miteinander und die Gruppe konfiguriert sich um, und dann geht es in neuer Zusammenstellung weiter.

Dabei kommt es zu einem Effekt, den ich in Deutschland nahezu niemals beobachten kann - außerhalb gewisser Geek- und Hackerzirkel jedenfalls. Und das ist die Tatsache, daß man an Gesicht und Ansehen gewinnen kann, wenn man in einer Diskussion seinen Fehler erkennt und sich dem Standpunkt seines Gegenredners anschließt oder diesen übernimmt.

Das ist den meisten deutschen Firmenkulturen so entgegengesetzt, daß ich überhaupt nicht mitbekommen habe was da passiert, als ich so einen Positionswechsel das erste Mal beobachtet habe. Jemand, der Teamleiter gar, obwohl das in diesen Gruppen kaum eine Rolle spielt, präsentierte seinen Vorschlag an der Tafel und brachte dabei einige Abschätzungen hinsichtlich Speicherplatz, Rechenaufwand und Kosten. Jemand anders aus der Gruppe blickte von seinem Zettel auf, auf dem er einige Zahlen hingeschmiert hatte, und meinte nur “That’s all wrong.” Er stand auf, griff sich den Filzstift und skizzierte seinen Plan gleich neben dem anderen. “If you do it like this, and this, then you can do it in less than half the time, and with only a fraction of the storage.” Der Chef stutzte kurz, dachte nach und entschloß sich dann, seine eigene Idee zu verwerfen und die seines Mitarbeiters zu übernehmen. “You are completely right. This is much better. We will be doing it your way.” Anerkennendes Nicken in der ganzen Runde, und ein Gesichtsgewinn für beide im ganzen Team.

Das alles führt zu einer Arbeitsweise, die ich als sehr entspannend empfinde: Obwohl man echt viel Arbeit wegschafft, hat kaum jemand mal Streß. Die meisten Fragen und Termine werden im Vorübergehen beim Frühstück oder Mittagessen geklärt, und beim Arbeiten spielt man sich die Bälle zu. Die Kultur ist so eingerichtet, daß Kooperation belohnt wird, und Ansehen basiert nicht darauf, ob man sich durchsetzt, sondern ob man die Gruppe voran bringt.

Das ist zugleich die Arbeitsweise und Einstellung, die der deutschen Politik so vollkommen fehlt.

Es täte diesem Land echt gut, hätte man in der Koalition den Expertenmeinungen von Techniker- und Juristenseite Gehör geschenkt, als es um die Konstruktion des Zugangserschwerungsgesetzes ging, oder früher noch, als es darum ging, die Stoßrichtung der Agenda auf diesem Gebiet überhaupt festzulegen. Es hat eine klar artikulierte und durchstrukturierte Kritik an der Idee des Zugangserschwerungsgesetzes selbst gegeben - Löschen statt Sperren (und nicht etwa Löschen vor Sperren), Konstruktion internationaler Zusammenarbeit (die noch dazu für andere Delikte nutzbringend einsetzbar gewesen wäre) und Vermeidung eines sinn- und wirkungslosen Grundrechtseingriffes.

Stattdessen hat man im Wahlkampfwahn den eigenen Irrweg zementiert. Man tat das in dem Glauben, daß deutsche Kultur Durchsetzungskraft an sich mehr belohnt als Korrektheit oder Brauchbarkeit der Lösung.

Gesichtsgewinn durch Übernehmen und Aufgreifen der besseren Idee, das ist das große Defizit der akuellen politischen Kultur in unserem Land. Das ist es wirklich: die Äußerungen in der Debatte im Petitionsausschuß und zum Aufhebungsgesetz - ja, Frau Bär, auch und gerade sie sind gemeint! - zeigen, daß man immer noch der Meinung ist, einen politisch Gewinn bringenden Kurs zu verfolgen, oder vermeintlich Frau von der Leyen schützen zu müssen, indem man an dem von ihr initiierten Irrwegen weiter festhält.

Es ist zugleich die Hoffnung, die die Piraten in der deutschen Politik darstellen. Denn einer der Kernpunkte des piratischen Denkens, der mir das Herz aufgehen läßt, ist die Konzentration auf die Sachpolitik. Es ist die Fähigkeit, das Bessere anerkennen zu können und ihm dadurch den Weg zu bereiten, daß man sich selbst beiseite nimmt und hinter die bessere Idee stellt. Selbst dann, wenn es nicht die eigene war.