Meister der Enteignung

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August 19, 2009
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In der Digitaz erschien vor zwei Tagen ein Gastbeitrag von Kai Schächtle, dem Vorsitzenden des Berufsverbandes freier Journalisten und Journalistinnen, “Freischreiber”. Unter dem Titel Meister der Enteignung stellt er die gängige Vertragspraxis der nach ihrem Bekunden “Qualitätsjournalismusverlage” der Kampagne von Hubert Burda und anderen zur Einführung eines Verlinkungsgebühr gegenüber:

Was Burda in seinem Hilferuf verschweigt: Die Rechtsabteilungen der Verlage haben in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Kreativität an den Tag gelegt, um selbst zu Meistern der Enteignung zu werden - im Umgang mit ihren freien Journalisten. Man kann es nicht anders als bigott nennen, wie Verlagsverantwortliche derzeit Politik in eigener Sache machen: Sie beschweren sich über die vermeintliche Enteignung durch Google, zwingen ihren Autoren aber gleichzeitig Total-Buy-out-Verträge auf, mit denen sie sich sämtliche Rechte an deren Stücken sichern. Diese Knebelverträge machen es möglich, eingekaufte Texte beliebig oft zu benutzen und weiterzuverkaufen, ohne dass die Autoren davon profitieren.

Schächtle zeichnet ein drastisches Bild des aktuellen Journalismus - Zeilenhonorare sind nach seiner Aussage so niedrig, daß 500 Euro für einen Artikel, in dem eine Woche Recherchearbeit steckt, eher die Norm als die Ausnahme sind.

Für mich, der Schreiben als angenehmen Nebenverdienst ansieht, aber seine Texte lieber frei ins Netz stellt als einen Total Buyout zu unterschreiben bloß damit es gedruckt wird, ist das etwas, das ich vom Spielfeldrand aus betrachte.

Die Begegnung mit der geänderten Verlagseinstellung hatte ich aber auch: Alle meine Artikel bis auf den letzten bei Heise sind ohne Vertrag ‘Text gegen Überweisung’ entstanden, es gelten dann die Default-Regelungen, und die sind vom Anfang des 20. Jahrhunderts - 1908 oder so. Der Verlag wollte dann für meinen letzten iX-Artikel einen extra Autorenvertrag und dieser hätte mir verboten, den an Heise verkauften Artikel auf meiner eigenen Website neben seine Geschwistertexte zu stellen.

Das wollte ich nicht - ich will alle Texte, die ich jemals verkauft habe, auf meiner Leistungsschau entlang der Dimension “von Kris geschrieben” zeigen können und eher stelle ich einen Artikel kostenlos ins Blog als auf dieses Recht zu verzichten bloß damit der Text in die iX kommt. Nach einem mehrwöchigen Hin- und Her hat der Verlag dann meine Autorenvertragsänderung akzeptiert, aber letztendlich ist es für mich einfacher und einträglicher, mein Zeugs hier ins Blog zu kippen als für ein paar hundert Euro pro Seite Honorar den Vertrag mit einem Verlag auszukämpfen: Bekäme ich durch meine Texte hier nur einen Consultingtag mehr, entspricht das dem Honorar für einen recht langen Grundlagenartikel.

Dennoch ist es ein aktuelles und recht brennendes Problem für Leute, die vom Schreiben leben wollen. Aber das Problem ist vielschichtiger.

Solange Leute wie ich Texte schreiben, die druckfähig wären, diese aber gratis verbloggen, nehme ich natürlich Berufsschreibern einen Teil vom Markt weg. Sorry, aber für mich ist das Werbung, und solche die gut funktioniert. Ich werde nicht aufhören.

Solange Berufsschreiber so dringend in ein bestimmtes Blatt wollen, daß sie dafür einen Total Buyout Vertrag annehmen, kommt auch an dieser Stelle keine Bewegung ins System. Der Organisationsgrad der Autoren ist aber zu niedrig, als daß von dieser Seite aus effektiv Druck aufgebaut werden könnte.

Und solange Verlage ihre Autoren so ausquetschen, um den unmittelbaren Bedarf zu befriedigen wird das Rennen ins Bodenlose weitergehen: Denn wie in Schächtles Artikel skizziert wird durch dieses Umfeld das Annehmen von Lobby- und Gefälligkeitsartikeln für Berufssschreiber rentabler als objektive Recherche - am Ende ist ein gecrowdsourcter Blogartikel besser recherchiert und eher mit einem vertrauenswürdigen NPOV verfaßt als ein Werk des sogenannten Qualitätsjournalismus.

Sammlungen wie Telemedicus: Rechtsfragen der Informationsgesellschaft (hier via das wunderbare Carta sind solche Lichtblicke, oder die nicht minder guten Analysen bei Netzwertig , die ich jedermann nur dringend ans Herz legen kann. Dort, bei Carta und Netzwertig, findet sich nicht nur die Darstellung des neuen Online-Qualitätsjournalismus, sondern dort wird das Prinzip auch vorgelebt und ich bin begeistert. Der Freitag experimentiert mit wachsenden Artikeln , wie man die lokale Form des Crowdsourcing dort eindeutscht, und das mit zufriedenstellenden Ergebnissen, wenn die Form auch noch ein wenig schwerfällig wirkt.

Jetzt muß das nur noch jemand mal dem Uwe Jochum erklären, der mir mehr und mehr wie eine Figur direkt aus Rainbows End vorkommt.

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