Ein Flugbericht

isotopp image Kristian Köhntopp -
January 19, 2007
a featured image

Martin schreibt mir:

The ground is the limit….

Tel Aviv. Mittwoch, 18. Januar 2006, ca. 15 Uhr: Ich sitze im Terminal und warte auf meinen Flieger. Von Kollegen und aus den News wusste ich von Kyrill. Ich will über Zürich nach Hamburg fliegen und mache mir Sorgen, ob das Wetter eine Landung in Hamburg erlauben wird. Gate-Personal in Tel Aviv weiß nichts von einem Sturm. Wie auch: Es sind 17 Grad bei strahlendem Sonnenschein.

Wir haben für Flug eine Boeing von El Al (zweistrahlig, ca. 100 Plätze, Typ erinnere ich mich nicht mehr). Der Flug geht über Rhodos, die Türkei, den Balkan, Österreich nach Zürich. Im Bordprogramm läuft “The Guardian”. Der Film geht über Rettungsschwimmer im Sturm ;-).

Ca. 5 Stunden später merke ich, dass ich mir um den falschen Flugplatz sorgen gemacht habe.

Inzwischen versuchen wir zum vierten Mal in Zürich zu landen. Das heisst, wir fliegen seit 60 Minuten durch heftige Turbulenzen. Fast keiner redet mehr. Drei Mal ist der Pilot schon durchgestartet, da er zu weit vom Anflug abkam. So ein Durchstarten in 20-50 m Höhe ist durchaus ein Erlebnis. Wie beim Starten spürt man den Ruck von der Beschleunigung, außerdem fährt der Flieger sofort das Fahrwerk wieder ein.

Beim vierten Versuch sind alle in der Kabine mucksmäuschenstill. Das Licht ist (bis auf die Leselichter, und lesen tut keiner mehr) aus. Mehrere Leute kotzen herzhaft und einige Unglückliche werden von Kopf bis Fuß eingedeckt. Die Crew scheint es vorhergesehen zu haben, denn die Klimaanlage läuft auf vollen Touren. Dadurch bleibt der ansteckende Gestank größtenteils aus. Dafür ein Dankeschön von mir.

Wie bei den letzten drei Versuchen werden die Turbulenzen stärker je tiefer wir kommen. Die Maschine sackt mehrfach durch (keine Ahnung, würde sagen so 10-20 m) und wird auch von Böen quer zur Flugrichtung versetzt. Die Tragflächen zeigen die Last auf der Maschine deutlich, indem sie sich sichtbar durchbiegen (würde schätzen 1-2 m am Flügelende).

Beim Aufsetzen auf der Landebahn wird schlagartig die aufgestaute Spannung frei. Zwei Frauen sacken ohnmächtig im Sitz zusammen und werden von Mitreisenden wieder aufgepäppelt. Das Aussteigen funktioniert sehr flott. Keiner sagt es, aber alle wollen nur noch raus. Beim Verlassen der Maschine kommen viele nur bis zum Gate. Dort bleiben sie stehen, atmen sichtbar heftig, einige weinen jetzt auch.

Mit hängender Zunge erreichen ich meinen Anschlussflieger (hatte jetzt nur noch 15 min zum Umsteigen von Terminal E nach Terminal A). Mein Gepäck ist nicht so sportlich und spannt noch in Zürich aus. Ich frage beim Einsteigen die Crew, ob uns wieder das Gleiche bevorsteht. Die meinen dann, dass es in Hamburg aufgrund nicht vorhandener Berge nicht solche Verwirbelungen gebe. Sie behalten Recht…

Keine Ahnung, ob der Anflug auf Zürich jetzt für einen Piloten eine Standard-Situation war. Ich bin ihm am Ende jedenfalls sehr dankbar gewesen. Für kein Geld der Welt hätte ich mit ihm tauschen wollen.

Martin ist inzwischen glücklich daheim. Grüße an meine Mutter, die diesen Sturm noch nicht auf Föhr verbracht hat.

Share