“Bist Du Deutschland?” oder “Ein vereinfachtes Weltbild für Anfänger”

isotopp image Kristian Köhntopp -
December 30, 2005
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Ganz platt-klischeehaftes Deutschland

Im Spiegel vertritt Markus Söder, CSU die Auffassung:

Seine Partei trete dafür ein, in Deutschland wieder ein stärkeres Gemeinschafts- und Nationalgefühl zu entwickeln, sagte CSU-Generalsekretär Markus Söder der “Berliner Zeitung”. “Deutschland braucht einen ideellen Überbau”, sagte Söder dem Blatt.

Das trifft in dieser allgemeinen Form eine ganze Menge Knöpfe bei mir.

Da ist einmal der Hintergrund zu den Unruhen in den französischen Trabantenstädten - das Schlagwort der Berichterstattung, das in Bezug auf die deutsche Gesellschaft verwendet worden ist, ist “Parallelgesellschaft”. In der öffentlichen Diskussion ist dieser Begriff wegen der französischen Ereignisse in erster Linie mit Einwanderern aus muslimischen Ländern verbunden worden, aber in meinem Erleben ist der Begriff allgemeiner, und ich nehme jede Menge andere “Parallelgesellschaften” und weniger scharf abgegrenzte “Subkulturen” in meinem Umfeld wahr. Manche von denen sind sich - aus der Sicht eines muslimischen Einwanderers - recht ähnlich, wie etwa traditionelles deutsches Bürgertum und angehörige eines alternativen Lebensstiles in Deutschland, aber wenn man die beiden zusammenbrächte, würde sich beide Gruppen sehr schnell und recht emotional voneinander trennen.

Durch meinen neuen Job lerne ich gerade eine weitere Gruppe von Menschen kennen.

Es handelt sich um Personen, die sich selbst quasi globalisiert haben, und denen das konkrete Land, in dem sie Wohnen wahrscheinlich weitgehend egal ist - sie sind nicht dort geboren, sondern haben es sich ausgesucht, und wohnen und leben dort, weil es ihnen dort gefällt. Würde es ihnen nicht mehr gefallen, ziehen sie halt um. Diese Personen haben auch keinen lokalen Freundeskreis, sondern stehen mit Freunden in vielen Ländern über moderne Kommunikationsmittel in teilweise täglicher Verbindung. Sie arbeiten an Projekten, die extrem verteilt sind. Das Arbeitsumfeld, das Open-Source-Projekte erzeugen, ist ein solches Umfeld, und eine solche Subkultur. Kinder in Familien aus diesem Umfeld wachsen nicht selten zwei- oder dreisprachig auf und lernen von ihren Eltern, Landesgrenzen oder nationale Kulturen bei ihrer Lebensplanung zwar einzuplanen, aber nicht als Hindernis zu sehen.

Beide Schichten sind eigentlich nur Ausprägungen derselben Veränderung, sie unterscheiden sich im Grunde nur im Grad der Ausbildung und der Finanzmittel, die ihnen zur Verfügung stehen (und das ist zugleich der fundamentale Unterschied zwischen beiden Gruppen). Sie, und viele andere Gruppen leben plötzlich im selben Land.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts haben wir in Europa die Identität von Region, Kultur und gemeinsamen Interessen, den Nationalstaat. Diese Identität löst sich gerade an den verschiedenen Enden der Gesellschaft auf - auf dem Balkan war der Leim weniger dick, da ist das schon passiert, in Frankreich hat es gerade geknallt, ist aber nicht explodiert, und in Deutschland haben wir jetzt eine große Koalition, weil viele Deutsche mit solchen fundamentalen Problemen gerne konsensuell statt diskursiv umgehen.

Der deutsche Staat reagiert auf diese Veränderung jedoch hilflos, unter anderem weil er keine alternative Definition von sich selbst entwickelt hat, die über diese Epoche hinausgeht. Auch weil er kein Konzept oder Entwicklungsziel explizit gemacht hat, auf das der Staat sich hin entwickeln will, um mit diesen Tendenzen fertig zu werden - wir bauen zwar an “Europa”, aber nicht an einem europäischen Nationalstaat - das wäre mit den Mitgliedsländern von “Europa” schon heute gar nicht möglich, und wäre angesichts der Entwicklung von Subkulturen in allen europäischen Nationalstaaten auch nicht der richtige Weg.

Eine gemeinsame Reaktion ist jedoch in allen europäischen Ländern, wenn nicht sogar weltweit zu beobachten. Weil die gemeinsame kooperative Basis fehlt, entsteht das Gefühl der Angst vor dem Kontrollverlust und der Wunsch nach mehr Frühwarnsystemen. Das führt dann, vermutlich ungeplant, aber nichtsdestotrotz stimmig in dieselbe Richtung fortschreitend zu dem Mehr an Überwachung und politischer Kontrolle, das wir derzeit überall beobachten können: Der Staat belauert seine Bürger, die gesellschaftlichen Gruppen belauern untereinander, und unsere Bundeskanzlerin vollführt in den Medien den magischen “Du bist Deutschland”-Beschwörungstanz.

Auch Söder haut in dieselbe Kerbe:

Söder betonte: “Dazu gehört auch, die Nationalhymne mehr zu singen.” Das gelte für öffentliche Anlässe, aber auch in den Schulen. … Darüber hinaus müsse den Kindern die richtige geistige Orientierung gegeben werden. So sollte das Angebot zu Schulgebeten erhöht werden, sagte der CSU-Politiker.

Nur: Wenn dies Deutschland ist, wie es in den Köpfen unserer Politiker existiert, dann will ich hier dringend weg. Söder kommuniziert hier das vereinfachte Weltbild für Anfänger, und das ist so herzerweichend naiv, hoffnungslos unzureichend und hilflos, daß es mich zugleich erschreckt und Mitleid in mir erregt. Wenn man es nicht als Konzept für “Deutschland” nimmt, sondern als die beste Definition von “Deutschland” interpretiert, über die ein öffentlicher Diskurs möglich ist, dann ist “Deutschland” als Konzept schon am Ende.

Insofern ist der Spiegel-Artikel eine gute Sache, weil er zeigt, daß offenbar dringend ein Bedarf nach Diskussion darüber besteht, was eine Gesellschaft, einen Staat im 21. Jahrhundert überhaupt ausmacht. Und ob “Deutschland” überhaupt noch ein tragfähiges Konzept in dieser Zeit ist. Und falls ja, wie man “Deutschland” dann wohl definiert.

Bist Du “Deutschland”?

Das ist die Frage, die der Photopool “Du bist Deutschland” als Antwort auf die Medien-Kampagne “Du bist Deutschland” doch wohl am ehesten aufwirft.

We are family

Unter diesem urdeutschen Titel versucht Pro 7 seinen Zuschauern zu zeigen, was Deutschland alles ist, und wer alles in Deutschland lebt. Vielleicht hätte ich mir das einmal ansehen sollen, um besser zu verstehen, wer Ihr anderen Deutschen so seid und wie Ihr mich möglicherweise seht. Andererseits: Warum eigentlich?

Am Ende bleibt die Frage, lieber Leser und Deutscher: “Bist Du Deutschland?” Wenn ja, wer bist Du? Und was ist Deutschland - für Dich? Kenntnis der Nationalhymne und Schulgebet? Ich hoffe doch, ein wenig mehr. Oder interessiert Dich das alles gar nicht mehr?

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