Über Umzüge

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August 13, 2005
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Umzüge sind total toll. Umzüge anderer Leute jedenfalls. Denn da lernt man immer jede Menge Dinge über diese Menschen, die man vorher so nicht gewusst hatte.

Meine gute Freundin J. zum Beispiel zieht gerade um. Nicht weit. Sie ist Lehrerin in einem Internat, und weil sie jetzt 13 Mädels zum Betreuen bekommt, zieht sie aus der bisherigen Wohnung auf dem Internatsgelände aus und mit ihrem Mann B. in eine andere Wohnung auf demselben Gelände.

Wegen des Wetters habe ich meinen Campingurlaub in Dänemark teilweise in “Freunde im Umfeld Kiel besuchen” umgemünzt und J. und B. so genau mitten im Umräumen erwischt. Nichtsdestotrotz hatte sie sofort Zeit für mich, und wir haben in ihrer halb eingeräumten Küche lecker Kaffee getrunken und Geschichten ausgetauscht. Während ich mich also in ihrer brandneuen Küche umsehe, fallen mir Details ins Auge, die in meiner Küche nicht so sind. Zunächst sind es nur kleine Dinge:

Da sind zum Beispiel die Schneebesen, die fein säuberlich an einer Metallstange über dem Herd aufgereiht sind. Ich habe zu Hause einen Schneebesen, und die Katze hat ebenfalls einen, den sie in unseren Hausstand mitgebracht hat. Beide passen nicht zueinander: Meiner ist von Fackelmann und hat einen Griff aus orangenem Plastik. Der von Frau Katze ist, weil die Katze ihn ausgesucht hat, natürlich brushed metal. Bis jetzt haben wir aber mit jedem dieser Schneebesen noch alles geschneebest bekommen, was wir je haben schneebesen wollen. J. hat auch Schneebesen. Sieben Stück, in unterschiedlichen Größen und Formen, aber natürlich alle passend aus derselben Serie und wahrscheinlich von WMF, no less.

Gerade will ich eine Bemerkung darüber machen, als sie mir freudestrahlend erzählt, daß immerhin die Geschirrschränke schon eingeräumt sind. Sie gestikuliert zu den Schränken hinter mir, und dort stehen in der Tat vier deckenhohe Schränke mit halb durchsichtigen Türen, die bis in die obersten Regale voll geräumt sind mit Porzellan und Glas.

B. wirft unterdessen ein, daß er beim Einräumen schier verzweifelt sei und merkt an, was für eine Heidenarbeit das gewesen sei, und daß er den halbjährigen Kurs “Welches Porzellan zu welchem Anlass” noch nicht bekommen habe. B. ist übrigens ein Analytiker mit einem sehr pessimistischen und leicht depressiven Ansatz - ich habe es immer sehr geschätzt, wenn er meine Konzepte vor einer Präsentation auf Schwachstellen und mögliche Fehler untersucht hat und mir die Formen, Farben und Größen der Atompilze, die mein Code generieren wird, schillernd ausgemalt hat. Seine Schilderung des Umzuges folgt demselben System, und wirkt so leicht apokalyptisch. Seine Frau wird an dieser Art in einigen Jahrzehnten sicherlich verzweifeln.

Während B. also noch wie “Marvin, the paranoid android” berichtet, wie diese Mengen von Zeug hierher gelangt sind, werfe ich einen Blick in den Schrank. Tatsächlich. Vier Sorten flache Teller. Na ja, okay, ich habe auch mehrere Sorten unterschiedlicher flacher Teller, aber das ist mehr eine Folge der Haushaltszusammenlegung mit Frau Katze. Die flachen Teller von J. sind dagegen vorschriftsmäßig: Sie unterscheiden sich nur in der Größe, sind aber ansonsten mit Sicherheit aus derselben Serie, und natürlich sind von jedem Teil 12 Exemplare vorhanden, wie in der DIN-Norm “Haushaltsführung” auf Seite 212 vorgeschrieben. Die tiefen Teller hätten in diesem Schrank sicherlich auch nicht mehr hineingepasst, sondern stehen bestimmt in einem der anderen Schränke. Bestimmt nicht im Glasschrank, in dem die jeweils 12 Weißweingläser, Rotweingläser, Cocktailgläser, Whiskytumbler, Sektgläser, Saftgläser und Schnapsgläser stehen. Ich fühle mich wie in der Eröffnungssequenz von “Fight Club” und ich warte gespannt auf eine Stimme aus dem Off und die Einblendung von IKEA-Produktinformationen vor meinem inneren Auge.

J. bemerkt, daß ich mich für ihren Hausstand interessiere, und schildert unterdessen, wie sie die Küche hier in den Raum eingepasst haben, und daß der Besteckschrank in den Flur rausgeräumt werden musste. Ich folge ihr, und blicke auf eine Art WMF-Ausstellung: Lasagneheber, Fischvorlegebesteck, Suppentassenlöffel, Spargelzange, Pellkartoffelbesteck und whatnot. Und ich Bauer habe meine Lasagne bisher mit einem Pfannenwender serviert!

Dann beginnt es mir langsam zu dämmern. Nordfriesin! J. kommt aus Nordfriesland. Dem Herzland der Landfrauenvereine (28 Ortsvereine! in Nordfriesland alleine). Möglicherweise werden alle Nordfriesinnen schon als kleine Mädchen gehirngewaschen? “Seid nett, modern, unkompliziert, spontan - aber wenn es um Haushaltsführung geht, macht ihr keine Gefangenen!”

Vorsichtig frage ich J. und B.: “Sagt mal, guckt Ihr eigentlich ‘Desperate Housewives’?”

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