In “Das Böse ist immer und überall” schreibt Telepolis über ein Phänomen, daß wir alle bei unseren alten Tanten haben beobachten können, als wir klein waren. Besagte Tanten saßen nämlich mit den Kieler Nachrichten auf dem Schoß da und lasen in der Rubrik mit den Polizeiberichten, was letzte Nacht alles schlimmes passiert ist, um dann den Kopf zu schütteln, “Tsk, tsk, tsk” zu machen und sich dann darüber auszulassen, wie schlimm alles geworden ist.

Telepolis zitiert eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachen, in der die Bevölkerung befragt wurde, wie sie die Kriminalitätsentwicklung beurteilt und wie die Medien dieses Urteil beeinflussen - “gefühlte Sicherheit”, gewissermaßen.

Den objektiven Zahlen nach ist die Kriminalitätsrate in den letzten zehn Jahren in Deutschland stark gesunken:

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) weist für die letzten zehn Jahre (1993 bis 2003) einen deutlichen Rückgang auf, gerade für schwere Straftaten: Wohnungseinbrüche -45,7 Prozent, Autodiebstahl -70,5 Prozent, Banküberfälle -44,4 Prozent, Mord -40,8 Prozent, Sexualmord -37,5 Prozent.

Eine wichtige Ursache dafür ist das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung - der Bevölkerungsanteil der Männer 18-30 ist für den größten Teil der Gewaltkriminalität verantwortlich und diese Gruppe schrumpft.

Fragt man die Bevölkerung jedoch danach, was sie glauben, wie sich die Kriminalitätsrate entwickelt, stellt sich ein ganz anderes Bild dar:

Ausgehend von Zahlen der PKS von 1993 zu bestimmten Straftaten sollten die Befragten deren Entwicklung einschätzen. Was dabei zutage kam, hat die Wissenschaftler einigermaßen erschüttert: Die Befragten unterstellten einen starken Anstieg bei allen Delikten. Je gravierender und emotionalisierender die Tat, umso höher lag die Fehleinschätzung: Beim Wohnungseinbruch betrug sie das Zweieinhalbfache, beim Mord das Doppelte und beim vollendeten Sexualmord sogar das Sechsfache.

Warum diese Fehleinschätzung? Die Studie sagt:

Unsere Hauptthese ist, dass der Wandel gerade bei den öffentlich-rechtlichen Nachrichten in Quantität und Qualität der Berichterstattung einen großen Unterschied macht. Die Nachrichtensendungen sind immer noch die Quelle der höchsten Seriosität. Dass die Bild-Zeitung übertreibt, weiß ja jeder. Wenn die Tagesthemen aber plötzlich immer häufiger über Kriminalität berichten, dann glauben die Leute, da muss was dran sein. Die Tagesthemen sagen zwar nicht, der Sexualmord steigt. Aber sie berichten beim ersten Tatverdacht, aus der U-Haft, von der Anklageerhebung und vom Prozess. Kriminalität wird ausgelutscht und genutzt, die Zuschauer zu binden. Weil man die Sorge hat, dass man, wenn selbst nicht mitmacht, es die anderen tun, und die haben dann die höheren Einschaltquoten.Christian Pfeiffer im Gespräch mit Telepolis

Je mehr Menschen Fernsehen, je schlechter sie ausgebildet sind und je schlechter die persönlichen Verhältnisse sind, um so mehr wird Kriminalität wahrgenommen, um so höhere Strafen werden gefordert und für um so schlimmer wird die Situation gehalten.