Wir haben 2004. Fünf Jahre nach Napster. Noch immer beherrschen Klagen über Raubkopierer statt innovativer Konzepte die Musikindustrie. Wenn man die Berichterstattung in den Medien über die Popkomm auswertet, dann bekommen wir ein klares Bild von einer Industrie, die jeden Bezug zu ihren Kunden verloren hat, und die seit fünf Jahren statt mit Produkten mit Klagen agiert.

Wenn dies ein Artikel von M. Roell wäre, dann müßte ich jetzt erklären, wie das Lesen von Blogs von Kunden der Industrie helfen könnte, zu verstehen, wie Musik heute wahrgenommen und abgespielt wird und was die Kunden dieser Industrie wollen und brauchen, um Musik in einer Weise zu benutzen, die sich mit ihrem Leben integriert. Ich müßte schildern, wie ein multimediales Bandvorstellungsblog mit Songauszügen und kurzen Berichten aus dem Alltag eines Reviewers Kontakt herstellen und halten könnte und wie die Auswertung von Feedback aus solchen Blogs helfen könnte. Ich würde am Beispiel von Blogs erklären, warum es für eine Branche und für jemanden in dieser Branche wichtig ist, möglichst dicht am Kunden zu sein, und daß das bedeutet, sich mit genau diesem Kunden zu unterhalten.

Und ich hätte Recht - sogar, wenn dies ohne Blogs geschieht.

Blind und taub

Stattdessen versucht die Industrie, das veraltete Geschäftsmodell von vor dem Internet wiederzubeleben oder wenigstens zu retten:

Der Grundgedanke ist genial einfach: Warum, dachten sich die Macher von “Hithunter”, sollte man die Konsumenten nicht selbst entscheiden lassen, was sie demnächst im Laden kaufen können?…Da klingt die Idee doch schlüssig: Im Internet sollen Konsumenten Musikstücke probehören können (als Ausschnitt und als vollen Song) und darüber abstimmen, was ihnen gefällt oder nicht. Was gut ankommt bei der Masse, so der Gedanke, wird sich dann auch verkaufen.

Musik in Zeiten des Internet ist Musik für Individuen. Ziel kann es nicht sein, einen Massengeschmack herauszudestillieren oder zu mitteln.

Das Wesen des Internet war nie Vereinheitlichung, sondern immer geographisch verteilte Spezialinteressen zusammenzuführen. Open Source, Newsgroups, Mailinglisten, Suchmaschinen und ja, auch Blogs, dienen zu nichts anderem als dazu, Leute zueinander zu bringen, die Gemeinsamkeiten haben, sich ohne das Netz aber niemals hätten finden können. Gesucht ist nicht der Hit für alle, sondern gesucht sind alle, die das für einen Hit halten, was ich auch dafür halte. Gesucht sind Titel, die ich noch nicht höre, aber hören will. Gesucht ist nicht Hithunter, sondern Audioscrobbler, iPodder, gesucht sind Mechanismen, mit denen ich die Musik leichter finde, die ich mag.

In gewisser Weise zeigt Hithunter damit, wie sehr die Musikindustrie die Konzepte noch verkehrt herum hält und wie wenig sie es schafft, sich aus dem Geschäft der 70er und 80er Jahre zu lösen und das Internet mit seinen Möglichkeiten der selbstorganisierten Gruppenbildung und den niedrigen Transaktionskosten zum Vorteil zu nutzen. Stattdessen bekommen wir eine Demonstration, wie wenig diese Industrie sich für ihre Kunden interessiert oder von ihnen weiß. Die Branche braucht nicht mehr Kreativität - davon ist genug da. Sie braucht mehr Kommunikation. Und die richtigen Filter.

Stattdessen in Popkomm: Musikwirtschaft erreicht die Talsohle:

Die Musikindustrie kämpft hier vor allem gegen die Aufrechterhaltung der Privatkopie im Urheberrecht, obwohl das Justizministerium ihr bereits weitgehend den Zahn gezogen hat.

Würde die Branche funktionieren, hätte sie schon vor fünf Jahren verstanden, daß die Privatkopie nicht der Feind, sondern der Freund ist. Nichts zieht mehr Kunden, schneller Kunden und günstiger Kunden als die Empfehlung eines guten Freundes mit den Worten “Hier, hör Dir das mal an, das wird Dir gefallen”.

Die Quote

Dem Wunsch der Branche nach Vereinheitlichung und der Wiederherstellung des Massenmarktes entgegen läuft der Ruf nach einer Quote für “deutsche Musik”, wie immer man diese definiert. Briefe dagegen sind im Netz leicht zu finden, bei Beißholz oder Basiquiat, aber auch bei Telepolis kann man mehr dazu finden. Die Argumentationen sind ähnlich, und einleutend: Was wir brauchen ist keine Quote. Was wir brauchen ist Rotationsverbot.

Raubritter vs. Piraten

Und schließlich: Hat sich jemand mal die Inhalte auf der IFPI-Site angesehen? Wenn die Themen auf der Seite des Branchenverbandes der Musikindustrie repräsentativ sind für das, was diese Industrie bewegt, dann finden wir eine Industrie, die keine anderen Interessen und Initiativen mehr hat als die Obsession mit Kopien.

Mit Musik hat das alles nichts mehr zu tun. Es fehlt Respekt!.