Dies ist nicht mehr das Strandbild, das ich aus meiner Jugend kenne. Früher war der Strand in Ording sauber geteilt zwischen Strandkorbinhabern und Strandburgenbauern.

Kam man morgens an den Strand, blickte man auf eine Landschaft wie nach einem Meteoritensturm, Ringwall an Ringwall. Manche von ihnen besetzt mit einem uneinnehmbaren - weil mit einem Holzgitter und Schloß verriegelten - Strandkorb, andere scheinbar leer und verfügbar. Doch wehe, wenn man sich in den Sandwällen niederließ, den eine Familie gestern in stundenlanger Kleinarbeit errichtet hat, deren Wälle sie mit Schippe und Schaufel geglättet und mit dem Familiennamen in Muscheln beschriftet hat.

Das heutige Strandbild ist bunter und dichter gepackt.

Schuld daran sind emsige Chinesinnen, die in schlecht belüfteten Sweatshops die Strandmuscheln nähen, die man heute überall für Zwölf Euro Neunzig kaufen kann. So können Strandbesucher des 21. Jahrhunderts ohne größere Erdarbeiten zur Errichtung eines Windschutzes sich gleich auf das eigentliche Business konzentrieren, also wahlweise in der Sonne braten oder - wenn sie schlauer sind - baden gehen.

Und so kommt es, daß das Strandbild 2004 geprägt wird von hunderten bunter Strandmuscheln - außer dort, wo noch Zucht und Ordnung herrscht und man der Arbeitslosigkeit der Strandkorbwächter durch Regulierung des Marktes Einhalt geboten hat.

Strandmuschelaufbauern zuzusehen- insbesondere wenn Wind ist - ist übrigens ein Quell unendlicher Belustigung. Papa rollt die Zeltbahn aus und steckt dann mehr oder weniger planlos Stange um Stange in das gute Stück, um am Ende mit einem riesengroßen bunten Drachen in der Hand herumzustehen und Mama zuzubrüllen, wo die die Heringe zu setzen hat.

Dabei kann es so einfach und schmerzlos sein, wenn man mit dem Wind und von unten nach oben arbeitet: Bahn quer zum Wind ausrollen, Heringe 1+2 rein, Stange 3 rein und die Muschel steht. Heringe 4+5 rein und mit der Stange 6 und ihrem Gegenstück auf der anderen Seite versteifen. Das geht mit einer Person und ganz ohne Drama - und vor allen Dingen, ohne daß sich die Strandmuschel in ein vom Wind getriebenes Geschoß verwandelt, das einmal über den Strand fegt…