“Normalitär”, ein Begriff, der von @beimwort geprägt wurde. Nach einem Twitter Thread. In seinem Artikel auf T-Online propagiert Schaible eine Bruchlinie innerhalb der “rechten” Parteien, weil Teile der Mitglieder die Weltbildverschiebung der frühen 2000er mitgemacht haben, andere sie ablehnen.

Er beschreibt die Welt von 1990, die Nachwendezeit:

  • Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar,
  • Diercke Weltatlas redet von Menschenrassen,
  • unter den 250 Positionen der politischen Elite in Deutschland war nur eine Frau; alles weiße, angeblich heterosexuelle und angeblich christliche Männer.

In dieser auf dem Papier egalitären Welt hing der Platz der Menschen ganz selbstverständlich von Geschlecht, Hautfarbe, Sexualität und Religion ab.

Die Veränderung kommt in den späten 90ern, frühen 200ern.

In den USA: »Im Jahr 1997 übernahm die erste Frau das US-Außenministerium, 2001 der erste Schwarze, 2005 die erste schwarze Frau; 2008 kam der erste schwarze Präsident ins Amt.«

Deutschland hält gut mit: »Im Jahr 1993 wurde die erste Frau an die Spitze eines Bundeslandes gewählt, 2000 an die Spitze der CDU, 2001 regierte der erste offen schwule Mann ein Bundesland, 2005 übernahm die erste Frau das Kanzleramt, 2009 der erste offen schwule Mann ein Bundesministerium, 2010 wurden erstmals gleichzeitig zwei Bundesländer von Frauen regiert, 2013 saßen zum ersten Mal eine Muslima und eine offen lesbische Frau am Kabinettstisch, seit 2018 wird die SPD von einer Frau geführt.”

Zwischen 2020 und 1990 liegen 30 Jahre, eine Generation, genau so lange wie 1960 bis 1990 - aber für viele Menschen ist das “gestern”.

Was “normal” ist, hat sich innerhalb einer Generation sehr gewandelt, vermutlich mehr als in der Zeit von 1960 bis 1990. Genau genommen hat die 1960er Generation Ideale formuliert - Gleichheit, Gleichberechtigung, Humanismus, und die 1990er Generation ist nach ihnen erzogen worden und verlangt nun aktive Umsetzung statt Lippenbekenntnisse.

Die Trennlinie ist aber nicht wirklich entlang einer Altersbruchkante, und auch nicht wirklich entlang Wohlstand und nur partiell entlang Ausbildung. In dem Artikel postuliert Schaible eine Trennung zwischen “Normalitär” und “Pluralitär”, also zwischen Leuten, die das 1990er oder gar 1960er Weltbild wiederhaben wollen, das klassische Patriarchat mit einem prefeministischen Rollenklischee und “Easy Mode” für weiße Männer, und Leuten, die die Veränderung der Generation 1990-2020 mitgemacht haben und eine neue, pluralere, offenere Gesellschaft mit anderen, humanitären Idealen angenommen haben.

Die Trennung ist auch nicht Rechts-Links: In einem anderen Twitter Thread (unroll) demonstriert @beimwort, daß die Bruchkante innerhalb bestimmter “rechter” Parteien entlang der “Normalitär”-Kante läuft.

Noch deutlicher: @DugarToGo zeigt in einem Antwort-Thread (unroll) am Beispiel konkreter Gespräche genau diesen Graben auf.

Das Problem dabei: Die normalitäre Position ist demokratisch nicht politisch durchsetzbar. Und an dieser Stelle ist das Scharnier zwischen den Faschisten und den Normalitären. Scharnierpolitiker, -medien und -publizisten bilden eine Vermittlerfunktion aus dem konserativen Mainstream in den faschistischen Extremismus. Im Ausgangs-Essay von 2019 nennt Schaible Sarrazin, Tichy, Steinbach, heutzutage biedern sich die Werte-Union und Teile der FDP an.

Kennzeichen des “Normalitären” ist eine Verklärung einer Vergangenheit, die es so nie gab und die, hätte sie es gegeben, nicht zeitgemäß wäre. Daher “Make America Great Again”, Brexit-Empire-Verklärung, und generelle Rückwärtsgewandheit. Das Normalitäre wünscht sich auch eine Komplexitätsreduktion der Welt, und die Faschisten bieten diese (in Wahrheit inadequate und nicht zur Problemlösung geeignete) Vereinfachung an.

Daher mein Spruch mit dem “vereinfachten Weltbild für Anfänger”.

Normalitär ist nicht konserativ, die Bruchlinie hat Schaible klar gezeigt. Normaltär ist Reaktionär in einer bestimmten Ausprägung. Normalitär kann faschistisch werden oder sein, weil normalitäre Ziele nicht demokratisch erreichbar sind (sie sind gar nicht erreichbar)

Aber das ist genau das Wesen des Normalitären, ein in der Vergangenheit verortetes, vereinfachtes, so nie existiert habendes Ideal zu verlangen, weil die aktuelle Struktur der Welt abgelehnt wird, statt sich mit ihr auseinander zu setzen und daran zu wachsen.