Oliver Rautenberg berichtet auf Twitter von “Elternvereinbarungen zur Smartphone- und Mediennutzung” an Waldorfschulen in Deutschland.

»Medienvertrag einer “Freien Schule” der Waldorfpädagogik. Ist diese Einmischung noch vertretbar? Keine Handys in der Schule, ok. Aber auch zuhause will die Schule Handys, Computer, Filme und sogar Hörspiele vertraglich verbieten. “Risiken und Gefahren” drohen!«

Dies ist meine persönliche Erfahrung, also eine Studie mit einer Sample-Gruppe von n=1. Keine Ahnung, und mir egal wie Ihr Dinge bei Euch in der Familie regelt, aber vielleicht ist das ja dennoch für irgendwen nützlich.

Mein Sohn ist jetzt 9 und wird bald 10.

Er ist in Deutschland geboren und ist in Deutschland mit 18 Monaten in den Kindergarten gekommen. Dort hat er bis zum Einschulungs-Sommer 2016 den Kindergarten und die Vorschule beendet, und ist dann zusammen mit seiner Mutter zu mir in die Niederlande hinterher gezogen.

Er hat die Niederländische Groep 3 in einer Integrationsklasse verbracht, um den Stoff, der der deutschen 1. Klasse entspricht zusammen mit der niederländischen Sprache zu erlernen. Am Ende von Groep 3 hat er den Schulsprachtest bestanden und ist auf eine lokale reguläre Grundschule gewechselt.

Er ist jetzt in Groep 6 (entspricht der deutschen Grundschulklasse 4). Die Grundschule geht bis Groep 8 (entspricht der deutschen Grundschulklasse 6).

Licht und Ton und Touchscreens

Der Sohn hat sehr früh die Bildschirme im Haushalt bemerkt und war insbesondere von Touchscreens sehr fasziniert. Die erste App, für die er sich je interessiert hat, war das inzwischen eingestellte Zoola Animal Sounds, eine Anwendung, die Tierbilder zeigt und mit Musik und Tiergeräuschen untermalt. Er hat die Anwendung bis zum Alter von fast vier Jahren immer mal wieder nachgefragt.

Der Umgang mit Touchscreens erschien dem Kind sehr unmittelbar und natürlich. Auch Gesten zum Drehen und Zoomen wurden abgeguckt, unmittelbar einsichtig und mußten nicht aktiv gelehrt werden. Das ging so weit, daß das Kind beim Fernsehen aufstand, den Bildschirm berührte, um den Film anzuhalten und dann beide Hände auf den Bildschirm presste um einen interessanten Ausschitt zu versuchen zu vergrößern - das hat dann leider zur großen Enttäuschung des kleinen Mannes nicht funktioniert, zeigt aber welche Erwartungen in die digitale Umwelt von einem Kind gesetzt werden.

Ein wichtiger Aspekt des Aufwachsens ist immer der Aspekt von Kontrolle gewesen, also Steuerung und Manipulation der Umwelt. Das Wort “Licht” hat das Kind sehr früh gelernt, und er wollte immer wieder auf den Arm genommen und vor einen Lichtschalter gehalten werden. Die Tatsache, daß das Drücken hier dann da bei einer Lampe etwas bewirkt war eine unglaublich aufregende Entdeckung. Die Tatsache, daß er nach seinem Willen die Umwelt beeinflussen konnte auch. Und daß unterschiedliche Schalter verläßlich unterschiedliche Lampen kontrollieren und das erlernbar war: auch fundamental.

Unsere Nachbarn in der deutschen Wohnung über uns hatten zwei Kinder, die ein wenig älter waren als unser Sohn. Für ein kleines Kind ist das kein wesentlicher Unterschied - es unterteilt die Welt in “Leute, die alles wissen und alles können” und “solche, die so sind wie ich”. Daß Kinder mit 3-4 Jahren viel mehr können als er selber hat er nicht erfaßt. Entsprechend dann: immer wenn er Kontakt hatte, hat er plötzlich Dinge getan, die er ohne die Demonstration, daß Kinder so was können können nie getan hätte.

Das war einer der Hauptgründe, das Kind in einen Kindergarten zu geben: Dort hat er die Geschwister, die er daheim nicht hat, und das hat ihn massiv nach vorne gezogen.

Daheim hat er durch unsere Arbeit bedingt viel Kontakt zu Computern. Dabei hat ihn meine Arbeit eher weniger interessiert - Papa sitzt auf den Bildschirm und starrt auf Buchstaben. Aber was Sammy tut ist um so interessanter.

Musik und Film

Sammy hat damals im Cafe Theater Schalotte Licht auf Veranstaltungen gemacht, und das Treiben am Theater, aber auch Licht und Tontechnik haben ihn als direkte Verlängerung seiner Erfahrungen daheim ohne Ende interessiert. Ich weiß, daß wir oben am Lichtpult gesessen haben, das Kind kaum 4 Jahre alt, die Frau an der Bühne unter der Decke hängend die Scheinwerfer manipulierend. Als sie ruft “Die Drei auf Achzig!” zählt das Kind wichtig die Weißlicht-Regler ab, und ist stolz wie Oskar, daß er den Schieber 3 auf 80% regeln darf. “Super” ruft es von unter der Decke zurück!

Das Kind ist voller Musik, und von mir hat er das nicht. Das geht so weit, daß ich mir mit einer elektrischen Zahnbürste die Zähne putze und er kurz dem Brummen lauscht und dann sagt “Das ist ein C und Deine Zahnbürste ist verstimmt”. Ich ziehe die Stimm-App auf dem Handy aus der Tasche und in der Tat, die Braun brummt ein sattes C, liegt aber deutlich daneben.

Das mit der Musik ist auch sehr früh deutlich geworden, und so hat er neben der Vorschule auch “musikalische Früherziehung” bekommen, in der den Kindern ein Jahr lang Gelegenheit gegeben worden ist, für jeweils 3 Monate ein Instrument auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Mit 5 hätte er dann noch ein Jahr dranhängen können, hat dann aber selber entschieden, daß er nur noch Geige machen will. Also hat er angefangen, in Berlin Geige zu lernen und es ist uns gelungen, in Amsterdam eine Lehrerin zu finden, die deutsch und niederländisch spricht und ganz wunderbar unterrichten kann.

Um diese Zeit, so mit 6 Jahren, hat er auch zusätzlich zum abgelegten Handy mein altes Macbook pro in die Finger bekommen. Das ist ein Gerät von 2009, mit einer nachgerüsteten SSD, die es nicht nur schneller, sondern auch robuster macht, und mit leider nur 4 GB RAM. Im Laufe der Zeit hat er dort Youtube, Musescore, Garageband und auch iMovie entdeckt und sich ohne weitere Erklärungen weitgehend selbst angeeignet.

Dabei haben wir eine ganze Menge über unser Kind gelernt.

Erstens: Das Kind braucht Limits. Es würde ohne diese Limits vermutlich in den unendlichen Tiefen von Youtube versacken und nie wieder vorkommen. Es braucht auch Wertungen. Wir haben abgemacht, daß er zunächst Youtube mit uns zusammen guckt, und dabei ist er auf einen Haufen Videos gestoßen, die keine Geschichten erzählen, sondern sehr niedrig zielende, teletubby-artige Animationen abspielen. Wir haben ihm erklärt, wie sich diese Videos von Videos unterscheiden, die etwas erzählen wollen, und wieso wir die eine Sorte Video langweilig finden, und die andere nicht. Er hat irgendwann angefangen, Videos nach diesen Kriterien zu beurteilen und auszuwählen.

Zweitens: Das Kind lernt durch Tun und Abgucken mehr als durch Erklären. Erklärungen sind wichtig, aber Vorbilder, Nachahmungen und Zusehen sind viel, viel wichtiger. Buchstaben haben sich ihm als Konzept erschlossen durch Zusehen, und durch Tippen und Vergleichen. Da er sich brennend für Eisenbahnen und insbesondere Dampfloks interessierte, wollte er Youtube-Suchen eingegeben haben. Das Wort “Dampflok” konnte er also bald erkennen und dann auch sehr schnell schreiben. Das war ihm wichtig, denn er wollte ja selber suchen.

Youtube ist ein unglaublicher Schatz an Ausbildungsvideos, Verdeutlichen und Anschauungsunterricht. Er verwendet Youtube inzwischen gezielt, um bestimmte Fertigkeiten vorgeführt zu bekommen und nachzuahmen.

Drittens: Dabei forscht er sehr selbstständig und vollzieht im Kleinen andere, viel größere Entwicklungen nach. Hier in den Niederlanden hat er gelernt, wie er Videos von seinem Handy auf seinen Computer laden kann. Er hat iMovie entdeckt durch Experimentieren herausgefunden, wie man iMovie Fertigtrailer produziert. Er hat dabei die vorgegebene Form und den Stil von Trailern auf Netflix imitiert, um Trailer für noch nicht produzierte, selbst ausgedachte Geschichten zu produzieren.

Danach hat er über Youtube und durch weiteres Experimentieren iMovie erlernt, und dann angefangen mit seinem Handy Filme zu abschnittsweise zu drehen und zu schneiden. Dabei ist er selbst auf eine Reihe von Stilmitteln gestoßen oder hat sie imitiert, die wir in der Geschichte des Films als Bausteine des Geschichtenerzählens mit diesem Medium entdeckt haben.

Weil er Anfangs in den Niederlanden sehr alleine war und sich seine Klassenkameraden auch nicht so für das filmische Erzählen interessiert haben, hat er vier Charactere geschaffen (“Joram”, “Max”, “Tom” und “Mehmet”), die sich durch Kleidung unterscheiden. Natürlich kann er immer nur eine Person zur Zeit im Bild haben, wenn er alle Rollen selber spielt, aber um zu erzählen hat er dann Dinge wie Schnitt/Gegenschnitt und Perspektive entdeckt.

Max und Mehmet geraten in einen Streit und Max regt sich weiter auf - er hat das realisiert, indem er Max bei jedem Gegenschnitt weiter aus dem medium close-up in den close-up zieht. Mit einer blauen Decke, der Bluescreen-Funktion von iMovie und einer Stegosaurus-Spielfigur hat er eine Verfolungsjagd realisiert, bei der die Charactere von einem Dinosaurier verfolgt werden.

Nachdem Sammy ihm ein Drehbuch und Einstellungs-Skizzen gezeigt hat, ist ihm die Idee gekommen, daß er sich dann nicht so oft umzuziehen braucht, wenn er die Einstellungen sortiert und daß Produktionsreihenfolge und Schnittreihenfolge nichts miteinander zu tun haben müssen. Das hat seine Produktion stark beschleunigt.

Er versteht in seinem Kopf, wie sich Joram, Max, Tom und Mehmet unterscheiden und wie und warum sie in derselben Situation unterschiedlich reagieren würden. Er ist in der Lage zu begründen, warum sich Mehmet bei einer Begegnung mit dem Stegosaurier anders als Max verhalten würde. Er versteht, daß Erlebnisse Menschen verändern und hat von sich aus angefangen zu erklären, warum sich Mehmet “nach dem Stegosaurier” anders verhalten würde als “Mehmet vor dem Stegosaurier”.

Viertens: Das Kind braucht Bewegung. Wenn er einen Tag nicht draußen spielt, schwimmt oder reitet, dann ist er ungenießbar und kaum zu kontrollieren. Er empfindet das selbst, ist aber noch nicht in der Lage ohne Hilfe die notwendigen Konsequenzen und Zeiteinteilungen zu finden und das auch durchzuziehen. Es ist also wichtig, ihn rauszuwerfen und zu zwingen, physische Dinge und persönliche Interaktion mit anderen Menschen zu haben. Er versteht hinterher, daß es ihm besser geht, kann das aber noch nicht selbst zuverlässig initiieren.

Fünftens: Er hat rausgefunden, daß es Filme gibt, die er nicht sehen mag, und daß eine grobe, aber unzuverlässige Korrelation existiert zwischen Altersfreigabe und der Tatsache, daß er den Film nicht mag. Er hat die Indiana Jones und die Jurassic Park Filme gesehen, und gut gefunden, obwohl einige von denen weit über seinem Alter liegende Einstufungen haben und es gibt andere Filme, die technisch ab 6 wären, aber die ihm so unangenehm sind, daß er abbricht. Er hat durch Gespräche mit uns gelernt, daß uns das auch so geht (Ich finde “Blacklist” unangenehm und sinnlos gewaltätig und mag das nicht sehen) und daß das in Ordnung ist.

Er hat Harry Potter nur bis Teil 3 gesehen und will die anderen Teile, die durchaus vorliegen, gerne mit uns zusammen sehen, wenn er meint, daß er soweit ist. Er hat gelernt, seinen Gefühlen da zu vertrauen und er ist - mit wenigen Einschränkungen - in der Lage, diese Entscheidungen auch selbstständig umzusetzen. Er guckt weg, bittet um Umschalten oder verläßt den Raum, wenn er was nicht sehen will und er bringt aktiv seine Meinungen und Präferenzen in Entscheidungsprozesse ein.

Computerspiele

Das Kind liebt Aufbauspiele. Das hat mit Train Fever und seinen Nachfolgern sowie Cities: Sylines begonnen und ging dann über Ark bis Minecraft. Ich habe ihm und seinen Freunden einen Minecraft Server und ein Teamspeak installieren müssen.

Dabei haben er und seine Freunde entdeckt, was man in Minecraft tun kann, wie sich das Multiplayer vom Solospiel unterscheidet, und daß sie unterschiedliche Ideen haben, was sie in Minecraft tun möchten oder was in Ordnung ist und was nicht. In Folge hat es eine Serie von Streitereien und Versöhnungen gegeben, in denen sie eine Übereinkunft ausgehandelt haben, die klar macht, wie sie miteinander im Kontext des Spieles umgehen wollen.

Und sie haben den Server gestaltet. Das heißt auch, daß sie mit einer Liste von Installationswünschen für Plugins bei mir aufgelaufen sind, die ich dann brav in den Server gekippt habe und deren Konfiguration sie dann weitgehend auf Youtube selbst gelernt haben.

Multiplayer ist weitaus interessanter als Solo - Minecraft hat im letzten Jahr alle anderen Spielaktivitäten vor dem Bildschirm ausgelöscht, weil Interaktion mit anderen Spielern um vieles interessanter ist als Interaktion mit Computergegnern oder computeranimierten Figuren.

Programmieren

Als das Kind fragte, was Papa denn so vor dem Computer tut habe ich angefangen Python zu erklären. Das ist eine schwierige Aufgabe - im Alter von 6 Jahren war die Vermittlung der Gedanken um Kontrollstrukturen unmöglich. Der Sohn hat in der REPL Variablen belegt und wieder ausgegeben. Aber nicht nur hat das Konzept “Im Editor schreiben, auf einer Kommandozeile aufrufen” ihn überfordert, auch Verzweigungen und Schleifen waren zu diesem Zeitpunkt nicht vermittelbar. Es hat bis zum Alter von 8 Jahren gebraucht - wir haben das Python immer wieder halbe Jahre liegen lassen - um einen Reifegrad und das abstrakte Denken zu bekommen, um diese Konzepte zu erschließen.

Die Schere zwischen den Wünschen (GUI! Grafik! 3D! Minecraft selber machen!) und den Fähigkeiten ist enorm. Aber wir haben jetzt ein Cli-Programm, das Additionsaufgaben stellt, die Ergebnisse kontrolliert und einen Score mitführt (und einen Highscore abspeichert). Sollten wir irgendwann mal bei Klassen und Bibliotheken ankommen, werden wir eine Qt-Version davon bauen.

Kind und Computer

Ich verstehe einen Großteil des Gewese um Kinder vor dem Computer nicht. Zumindest nicht in Bezug auf unser Kind. Es ist wichtig, daß er raus kommt, sich bewegt und mit anderen Menschen interagiert, das ist klar.

Es ist auch wichtig, sich dafür zu interessieren, wie er den Computer und das Smartphone verwendet, und wenn er dabei etwas erschafft, das als Haken zu verwenden, um ihm moderne Kultur und Kommunikation zu erklären.

Er denkt, er dreht einen Film, aber er erforscht selbst und mit unserer Hilfe Charactere, Entwicklung, Storytelling, Konflikt und Drama, Produktion und Produktionsplanung, Spezialeffekte, Kostüm und Makeup. Er mag vor dem Rechner mit Musescore und Garageband rumspielen, aber das bindet sich direkt in seine Übungen für den Chor und seinen Geigenunterricht rein und beide Dinge unterstützen einander. Er will Minecraft spielen, aber damit das mit seinem Server so geht wie er das will, muß er sich mit elementaren Dingen des Communitymanagement (und Motivationen seiner Mitspieler, Spielertypen und User-Stories), aber auch mit ssh, YAML und Serverkonfiguration auseinander setzen.

Und da kann man mit ihm drüber reden, ihm zeigen, wie wir diese Dinge auch in unserer Arbeit wieder finden und warum er gerade welche Schwierigkeiten hat und was mögliche Handlungsoptionen sind. Und dann läßt man ihn und seine Kumpane wieder alleine und die müssen selber Wege finden, das anzuwenden oder auch nicht und dabei zu lernen.

Und Youtube. Youtube wird in der medialen Berichterstattung in Deutschland gerne einmal runtergemacht und als Halde voller Schrott und Propaganda dargestellt. Youtube ist die großartigste Selbstbedienung-Ausbildung, die es auf diesem Planeten gibt. Und mit der richtigen Voreinstellung im Kopf sortiert das Kind eventuell in die Timeline gespülten Schrott weitgehend selbstständig aus und hält sich selbst auf Spur.

Mit Neun ist das noch nicht perfekt, wie auch. Aber ich bin sehr beeindruckt von dem, was er so macht.

Wie dem auch sei: Mein Kind sitzt vor dem Computer. Auch, nicht nur. Das ist auch im wesentlichen gut so, und außerdem unvermeidlich. Also muß ich damit umgehen lernen, genau wie er.