Der Beitrag Nicht das Urheberrecht ist das Kernthema ist von der taz verlinkt worden: Frédéric Valin faßt unter dem Titel Fortschritt ins dunkle Mittelalter den Stand der Debatte zusammen, kommt aber ebenfalls nicht zu einer Lösung - was ihn nicht hindert, schon in der Überschrift zu fordern “Die Piraten müssen das Problem Urheberrecht endlich lösen”.

Und da ist der Kern des Problems dann schon wieder, gleich im Titel. Mehrfach. Erstens werden die Piraten das Problem nicht lösen, genau wie keine andere politische Partei das tun wird, weil es so nicht geht. Denn zweitens ist das Urheberrecht nicht das Problem - wenn man Lena Falkenhagen oder sonst eine Person ein neues Urheberrecht schreiben ließe und es in ein Gesetz gösse - es würde nichts ändern.

Denn das Problem ist nicht das Recht, das Problem ist der durch das Internet bewirkte Strukturwandel. Während die Industriealisierung millionenfach manuelle, repetetive, gefährliche und langweilige Arbeit weg rationalisiert hat, bewirkt das Internet auf eine ganz andere Weise ähnliches bei den Kopfarbeitern und Kreativen.

Beispiel Wikipedia: Statt verschiedener Enzyklopädien, von denen jeder Haushalt wenigstens von einer eine Kopie im Regal stehen hatte, gibt es jetzt effektiv nur noch einen gemeinsamen Hort des Wissens, und den auch nur noch in einer zentralen Kopie, die wir gemeinsam betrachten und in Echtzeit bearbeiten. Und statt einiger Verlagsteams, die die Inhalte pflegen, tun wir alle dies nun, für lau.

Dieses Wikpedia-Prinzip ist es, das nun in immer mehr Kopfarbeiter-Branchen einzieht und dort links und rechts Geschäftsmodelle killt. Denn was anderes ist Sal Khan’s “Khan Academy” für Hersteller von Unterrichtsvideos? Was anderes sind Harry auf Deutsch oder Anime Fansubs, als die Anwendung des Wikipedia-Prinzips auf Übersetzungen und Untertitelungen? Was anderes ist O’Reillys Online Feedback Publishing System als die Anwendung von “Leser machen es selbst” auf das Lektorat?

Es scheint so, als hätten viel zu viele Leute Here comes everybody für eine leere Drohung gehalten, oder das Konzept des kognitiven Überschusses für ein Hirngespinst. Beides ist real, und die Auswirkungen sind fundamental.

Noch einmal: Es ist nicht das Urheberrecht, es sind nicht Mängel am Urheberrecht, die das Einkommen von Werkschaffenden bedrohen. Es sind stattdessen die Werke anderer Werkschaffender, die kollaborativ statt als Einzelkämpfer arbeiten und deren einzelne Beiträge so gering sind, daß der jeweilige Teilautor sie entgeltfrei abgibt.

In dem Moment, in dem ein Prozeß geschaffen wird, der ein solches kollaboratives Werkschaffen zuläßt und in dem Moment, in dem jemand ein Werkzeug schafft, daß diesen Prozeß der Kollaboration für eine Werkklasse automatisiert und mediatisiert, in dem Moment stirbt eine Branche. Nicht sofort, nicht komplett - aber sie wird mindestens marginalisiert. In den Kommentaren zu dem Ausgangsartikel findet sich ein schönes Beispiel: Johannes zählt auf, wie Werke in der Esperanto-sprechenden Community gemeinsam geschaffen werden, und daß das für alle Werk-Klassen funktoniert, ausgenommen Filme. Der Prozeß des Filmschaffens ist noch so arbeits- und kapitalintensiv, daß die Methoden dort noch nicht funktionieren. Der Rest - geschenkt. Im Wortsinn.

Diesen Mechanismus eines fundamentalen Strukturwandels hält ein Urheberrecht - gleich wie man es formuliert - nicht auf. Und die sich daraus ergebenden Probleme löst eine einzelne Partei nicht. Schon gar nicht am grünen Tisch. Diese Sorte Probleme löst nur das Leben selbst, sie werden von Leuten entschieden, die experimentieren, Wagnisse eingehen, scheitern, es trotzdem anders noch einmal versuchen, und dann mit der ganzen Kraft ihrer Erfahrung und Energie diese Ergebnisse kommunizieren und lehren.

Die Zeit hat da in einem Artikel über Selfpublishing-Projekte eine ganze Reihe von Beispielen. Manche von ihnen kommerziell, andere - und die Zeit kratzt hier nur an der Oberfläche - für Liebe.

Felicia Day, selbst durch selbstpublizierte Filmprojekte zu einigem Ruhm und einem Einkommen gekommen, verweist in einem Artikel auf Google Plus auf Fox und ABC’>, zwei amerikanische Fernsehsender, die gerade einen Stern pullen und die Verfügbarkeit von Sendungen im Web zurückfahren wollen.

Der Effekt, so Felicia Day: mehr Kopieren und Filesharing, und Verlust an Publikum - die Leute, die das sofort haben wollen, laden sich halt eine Kopie von anderen Quellen als Fox bzw. ABC runter, und die Leute, die warten können oder wollen, schauen das halt nicht im Fernsehen, sondern besorgen es sich zu einem späteren Zeitpunkt, vielleicht auf DVD, vielleicht indem sie es bei einem Freund kopieren, sobald der es hat. In jedem Fall schadet der Sender sich selbst und seinen Ratings. Felicia Day sieht beide Sender auf dem Weg von Tower Records und Borders Bookshops. Auch sie hat kein funktionierendes Modell parat, mit dem diese Sender (eigentlich: Produzenten) und die Konsumenten zueinander finden können.