Spackeria? WTF?

Auf dem 27C3 hat Constanze Kurz im Jahresrückblock 2010 den Begriff Post-Privacy Spacken (Video, ca. 3 Minuten ab der Startposition ansehen) geprägt.

Schon einige Zeit vorher - nämlich mindestens seit dem 25C3 - haben ein paar Leute angefangen, sich über den Kontrollverlust zu unterhalten. Michael Seemann (@mspro) bezeichnet mit diesem weitgefaßten Begriff eine Reihe von Effekten, die das Vorhandensein der Kommunikationsmöglichkeiten des Netzes auf Menschen und Daten hat: Offenbar scheint es unmöglich zu sein, die Verwendung von Daten zu kontrollieren, wenn sie erst einmal existieren und zugreifbar sind. Und offenbar scheint es zu einer ganzen Reihe von emergenten Organisationseffekten zu kommen, wenn Menschen zu Transaktionskosten von Null miteinander kommunizieren können. In seinem Blog hat er eine ganze Reihe von Artikeln, die diese Effekte an Beispielen aufgreifen und ausführen, aber auch eher philosophische Hintergrundüberlegungen zu diesem Thema.

Den Begriff von Constanze Kurz aufgreifend und neu mit Bedeutung besetzend haben sich ein Haufen Leute unter dem Namen “Spackeria” zusammengefunden, um Kontrollverluste und Leben in einer Post-Privacy-Gesellschaft zu erörtern.

Man darf sich das nicht als eine politische Bewegung vorstellen. Die Spackeria ist vielmehr eine lose Forschungsgruppe, die versucht, das Thema “Post-Privacy” zu erkunden. Entsprechend gibt es auch keine homogene Philosophie oder gar politische Forderungen. Dennoch scheint der Begriff Spackeria inzwischen eine ganze Menge Angst und Schrecken zu verbreiten und viele Leute interpretieren eine politische Komponente in die Spackeria hinein (Wieso eigentlich? - das sehen wir unten: Forderungen ergeben sich eher implizit).

Piratenpad Chat

Da einige der Mitglieder der Spackeria außerdem in der Piratenpartei aktiv sind, wird die Spackeria oft als piraten-nah empfunden. Das ist sicher richtig, aber bei den Piraten gibt es auch eine sehr starke CCC-nahe Fraktion, die ich in Ermangelung eines besseren Begriffes und den Geist des Begriffes “Spackeria” aufgreifend einmal als “Aluhut-Träger” bezeichnen will. Entsprechend gibt es gerade ein Piratenpad der Aluhut-Fraktion, in dem man kollaborativ eine Gegenbewegung zur Spackeria organisieren will, die man dem traditionellen Datenschutz nahe ansiedeln kann.

“Gegenbewegung” gegen etwas zu sein, das keine politischen Forderungen formuliert und sich eher als Forschungsgruppe sieht ist natürlich schwierig. Aber naja, wir werden sehen, was daraus wird.

Was also ist die Logik der Spackeria?

Piratenpad Chat

Der Gedanke, der wahrscheinlich allen Mitgliedern der Spackeria gemeinsam ist, ist die Beobachtung, daß der Datenschutz politisch und real auf ganzer Linie versagt.

Der Datenschutz versagt politisch: Im Wikipedia-Artikel “Überwachungsstaat” findet man eine schöne Übersicht von Dingen, bei denen die Datenschützer ihre Interessen in der Hauptsache nicht oder gar überhaupt nicht durchsetzen haben können. Um von diesem Versagen abzulenken führt man Scheingefechte - etwa gegen Google Maps, Google Analytics, Facebook Like-Buttons und andere für den politischen Datenschutz an sich vollkommen nebensächlichen Ziele.

Vor allen Dingen versagt der Datenschutz aber inhaltlich: Wer wirklich wichtige Dinge zu schützen hat, der kann auf die Bestimmungen und Regelungen des Datenschutzes nicht vertrauen, sondern muß den Schutz seiner Daten selbst in die Hand nehmen - sie also geheim halten. Die Deutsche Telekom formuliert es so:

…weil, so wörtlich, “eine Veröffentlichung geheimer Daten zum Lebensrisiko” gehöre.

Oder direkter formuliert:

Wo es um Dinge geht, die sich direkt auf mein Leben, meine Gesundheit oder mein finanzielles Fortbestehen auswirken können, da brauche ich keinen Datenschutz, sondern da brauche ich ein Geheimnis. Ich kann 2011 keine Dinge mehr über mich an einen geschlossenen Personenkreis oder mit einer Zweckbindung veröffentlichen, sondern ich muß bei allen Daten, die ich direkt oder indirekt produziere oder veröffentliche davon ausgehen, daß sie allgemein verfügbar sind und mit allen anderen Daten verknüpft werden.

Danach muß ich mein Leben ausrichten.

Das ist das Credo der Spackeria, der Ausgangspunkt aller weiteren Betrachtungen.

Belege, die diesen Ausgangspunkt plausibel erscheinen lassen, gibt es genug: Die NPD stellt Volkszähler, Sony verliert Kreditkartendaten in Millionenbündeln, die EU exportiert innereuropäische Kontobewegungsdaten grundlos in die USA, …

Der Startpunkt der Spackeria ist also ein entschieden nichtpolitischer, ja fast sogar antipolitischer: Weil der Datenschutz versagt, versagen muß (denn der Kontrollverlust scheint ein dem System inhärentes Merkmal zu sein), weil die Welt also so ist, ich aber in ihr Leben muß, muß ich mein Leben so gestalten, daß ich in so einer Welt leben kann. Das ist ein sehr ehrlicher, wenn vielleicht auch ein wenig zynischer Ausgangspunkt.

Dem Gegenüber stellt die Aluhutfraktion die Forderung, die idealistischen Ziele des Datenschutzes umzusetzen - auch dann, wenn dies technologische Fortentwicklung behindert, und oft auch dann, wenn dies ein rein symbolischer Akt ist oder wenn die tatsächlich wirksame Umsetzung dieser Ziele noch mehr Überwachung erforderlich machen würde.

Wie also kommt die Politik bei der Spackeria ins Spiel?

“Privatsphäre ist auch der Ort, wo Ehemänner ihre Frauen schlagen.” – Julia Schramm

Die Spackeria ist der Ansicht, daß man gegen die Entstehung einer Datenspur nichts tun kann. Der Grünen-Poltiker Malte Spitz hat dies sehr deutlich gemacht, indem er die Vorratsdaten seines Mobiltelefons genommen und sein Leben anhand der Vorratsdatenspeicherung für DIE ZEIT visualisiert hat. Mit weniger ad-hoc gestrickten Werkzeugen wie Geotime kann man dies noch besser tun und auch die Daten aus mehreren Datenquellen zusammenführen.

Dabei muß man sich vor Augen führen, daß nicht das Zeit-Tool und auch nicht Geotime das Problem sind - sie sind nur Werkzeuge, die aus den sowieso vorhandenen Daten nette Grafiken machen. Die Daten fallen sowieso an, und sie fallen an, weil sie für das Funktionieren all der netten dienstbaren Geister in unserem Leben zwingend notwendig sind. Gegen diese Werkzeuge an zu kämpfen bedeutet den Boten wegen seiner Nachricht zu töten, ändert aber überhaupt nichts an der Lage.

Bemerkenswert auch, daß Malte Spitz für die Erlangung seiner Daten eine Klage nach dem Informationsfreiheitsgesetz gegen die Telekom hat führen müssen - der Telekom war schon klar, was sie da hat und warum sie nicht möchte, daß diese Daten in einer ansprechenden grafischen Form aufbereitet werden.

Dieselben Daten fallen auch auf meinem Mobiltelefon selber an. Ich nehme sie, und publiziere sie auf Google Latitude. Eine Reihe von Personen kann dadurch sehen, wann ich wo bin, wo ich eingecheckt bin und welche anderen Personen dort ebenfalls eingecheckt sind. Meiner Meinung nach nutzen zu wenige meiner Freunde Latitude - viele Verrichtungen meines Lebens wären sehr viel leichter zu organsieren, wenn der Dienst populärer wäre.

So kommt es, daß ich auf das Anfallen der Daten keinen Einfluß habe - die Daten sind für den Betrieb eines Mobiltelefons zwingend notwendig: damit der Anruf an das Telefon durchgestellt werden kann, muß das Netz und der Netzbetreiber wissen, wo ich gerade bin. Zugleich kann ich die qualitativ hochwertigen Daten nicht selber nutzen, sondern muß den Akku meines armen Mobiltelefons damit schnell-leeren, daß ich außerdem noch einen GPS-Empfänger betreibe - ich habe die Kontrolle über meine eigenen Location-Datensätze beim Netzbetreiber nicht und es erfordert einen Prozeß gegen den Netzbetreiber um sie zu bekommen. Und zugleich habe ich keine Kontrolle darüber, was genau mit diesen Datensätzen durch Dritte gemacht wird. Dies ist ein Aspekt des Kontrollverlustes, dessen zahlreiche Facetten Michael Seemann so ausführlich diskutiert.

Anders herum merkt die Spackeria an, daß Datenschutz gerne mißbraucht wird, um Intransparenz zu erzeugen und Mauscheleien zu verbergen. Das Beispiel des heutigen Tages findet sich in Internet-Provider als “virtuelle Grenzübergänge”? (auch noch aus anderen Gründen ein interessanter Artikel):

Obwohl der “Experte”, der die Präsentation hielt, von der ungarischen Präsidentschaft eingeladen war, und die Präsentation von 27 Mitgliedstaaten und der EU-Komission besucht wurde, wird der Name des Vortragenden nicht veröffentlicht – angeblich, um seine Privatsphäre zu schützen.

Die Spackeria behauptet nun, daß wir gesamtgesellschaftlich wahrscheinlich eine ganze Menge gewinnen können, indem wir alle gesellschaftlichen Prozesse offenlegen.

Die politische Forderung der Spackeria, wenn sie denn also überhaupt eine hat, ist radikale Transparenz und sie setzt dies dem radikalen Datenschutz der Aluhut-Träger entgegen.

Das ist - eigentlich - gar nicht so weit weg von den Positionen des CCC, der schon seit je her fordert “Private Daten schützen, öffentliche Daten nützen”. Der Unterschied, und die politische Debatte, geht mehr darum, was genau denn nun Privat ist und ob sich diese Grenzziehung in 2011 noch aufrecht erhalten ließe - dort gibt es eine Menge Streitpunkte zwischen den beiden Gruppierungen.

Die Sorge der Aluhutfraktion richtet sich dabei im Grunde auf das entstehende Machtgefälle. Ein Standardszenario in diesem Dialog: Wenn ein Arbeitgeber von allen potentiellen Bewerbern wissen könnte, was sie so für Krankheiten und Risiken mit sich tragen, dann hätten Bewerber mit gewisser Vorgeschichte bei einer Bewerbung schlechtere Karten (oder solche mit einer mißbeliebigen Handschrift). Darum müssen solche Informationen geschützt werden.

Andererseits, so die Standard-Antwort der Spackeria, kann man dieses Machtgefälle auch dadurch aufheben, indem man beiden Seiten Transparenz auf gleicher Ebene verordnet: Der Arbeitgeber muß seinen Besetzungs- und Auswahlprozeß genau so offen legen wie der Arbeitnehmer seine Daten, und dann werde man schon sehen, wie lange Unternehmen sich solche Praktiken im Lichte der öffentlichen gesellschaftlichen Diskussion erlauben können.

Ich glaube, daß man ähnliche Beispiele in vielen anderen Situationen ebenfalls erfolgreich konstruieren kann - “Positionen von Frauenhäusern müssen geheim gehalten werden” “Andererseits: Wenn die Records von Überwachungskameras, automatischer Kennzeichenerfassung und Handy-Positionsdaten auch öffentlich wären, müßten sie das wahrscheinlich nicht.” und so weiter.

Wichtig sei für eine Diskussion auf Augenhöhe, so die Postion der Spackeria, nicht so sehr der Grad der Offenlegung, sondern der gleiche Grad der Offenlegung bei allen beteiligten Parteien. Und es sei das Licht der Transparenz und nicht die geheimniskrämerische Mauschelei des datengeschützten Geheimnisses, das die Weiterentwicklung einer Gesellschaft als Ganzes befeuere. Und habe man auch nichts gegen die emergenten Effekte der Techniknutzung, die von Leuten wie mspro unter dem Begriff “Kontrollverlust” zusammengefaßt werden.

Das meinen die ernst? Was denkst Du, Kris?

Ich denke, das die Ausgangsposition der Spackeria eine sehr sinnvolle und realistische ist. Ich kann nicht erkennen, daß der Datenschutz in Deutschland gesetzgeberisch sinnvolle Ergebnisse erzielt hat - in allen wichtigen Fragen, die auf der Wikipedia-Überwachungsstaat-Seite so schön zusammengefaßt sind, hat er in der Tat versagt.

Wenn Scott McNealy 1999 gesagt hat, “You have zero privacy anyway, get over it”, dann ist das die politisch weniger freundliche, wenn nicht sogar zynische Art, genau diesen Sachverhalt zu formulieren. Die Konsequenz aus diesem Ausgangspunkt formuliert Eric Schmidt zehn Jahre später, genau so zynisch und direkt, und genau so korrekt: “If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place.”

Auf eine Weise ist das genau der Punkt, bei dem es um radikale gegenseitige Transparenz vs. radikale Privacy geht. Die einen sagen: “Indem wir alle gegenseitig Offenlegen, haben wir die Möglichkeit zu erkennen, daß wir alle nicht immer perfekt sind, und wir haben die Wahl, daran entweder zu wachsen und bessere Menschen zu werden, oder zu lernen einander zu vergeben.” (Das ist Schmidt) Die anderen sagen: “Das ist eine gefährliche Utopie und mir zu risikoreich, ich will da nicht mitmachen.” (Das sind die, die sich über Schmidt aufregen) Und die Technik sagt: “Ich funktionier halt so, ihr könnt gerne unrealistische Annahmen machen, mir egal. Das tut es halt mehr weh, wenn ihr lernt.” (Das ist McNealy)

Insofern halte ich mich aus der Diskussion raus - McNealy hat Recht, und es ist nicht notwendig, ungefragt viel dazu zu sagen, wenn ich schon vorher sehen kann, welche Erfahrungen alle im Laufe der Zeit machen werden.

Und lebe mein Spacko-Leben: Ich persönlich habe auch mein ganzes Leben lang sehr positive Erfahrungen damit gemacht, mich zu publizieren.

Mir ist klar, daß ich als jemand, der von der Arbeit mit Technik lebt, nicht umhin kann, eine kilometerbreite Datenspur über diesen Planeten zu legen, wenn ich in der Lage sein will, meinen Job gut zu machen. Das Beste, was ich tun kann, ist das Highlight auf diesen Daten so zu setzen und die Interpretationen meiner Daten anzulegen, daß sie ein positives Licht auf mich als Person werfen.

In diesem Sinne bin ich ein Post-Privacy-Spacko. Schon immer gewesen: auch dann, wenn ich mich nicht an der Diskussion beteilige und auch damals, als es den Begriff noch nicht gab, habe ich wie einer gelebt - leben müssen. Und halte Popcorn bereit.