Durch die Gründung und Medienpräsenz der Piratenpartei, den Heidelberger Appell und die verschiedenen Schreie von Verlagen nach staatlicher Subventionierung und Schutz ihres Geschäftsmodelles als UNESCO Weltkulturerbe ist das Thema Copyright in den vergangenen Wochen aktueller denn je.

Anfang dieses Monats gab es dazu zwei brilliante Artikel bei Netzwertig, einem Blog, das ich sowieso zum Abo empfehlen kann. In Warum Bezahlinhalte im Netz nicht funktionieren baut Marcel Weiss einmal auseinander, warum Verlage und Agenturen ihre Meldungen gratis ins Netz stellen - stellen müssen! -, obwohl sie wissen, daß das langfristig kein solides Geschäftsmodell ist. Die tragende Säule seiner Argumentation ist der Paywall, der den Content der Zeitung gegen Benutzer und Suchmaschinen abschirmt: Dadurch wird die Site in Suchmaschinen schlecht gefunden, die Inhalte können sich nicht durch Mundpropaganda - das böse Sharing! - weiter verbreiten und sie können in der globalen Diskussion nicht referenziert werden, weil sie keine öffentliche URL haben. Dadurch fehlt der Site hinter dem Paywall jedes Wachstumspotential, und wenn nicht besondere Bedingungen vorliegen verkümmert die Site.

Ein zentrales Argument: Je interessanter, je wichtiger, je welterschütternder eine Nachricht ist, desto mehr drängt diese auf maximale Verbreitung. Exklusivität und Bedeutung stehen hier in direkter Konkurrenz in der Aufmerksamkeitsmaschine des Nachrichtengeschäfts.

Netzwertig setzt mit einem zweiten Artikel zum Thema nach: Andreas Göldi erklärt in Was werden die Newsmedien der Zukunft kosten? das ökonomische Modell, das hinter der aktuellen, durchaus instabilen Situation im Zeitungs- und Onlinezeitungsmarkt steht. Er macht auch klar, daß dieses Modell langfristig nicht tragfähig ist und daher absehbar zusammenbrechen muß: <blockquote>Das von Internet-Radikalisten oft gehörte Argument, dass Verlage niemals Geld für ihre Internet-Ausgaben verlangen sollten, ist also letzlich recht naiv: Die Rechnung geht nur auf, so lange es ein gesundes traditionelles (Print-)Geschäft gibt. Und ganz offensichtlich bröckelt das immer mehr.</blockquote> Abschließend resümiert er, daß die Welt nach dem Abschluß des durch das Internet bewirkten Strukturwandels wahrscheinlich stark bipolar sein wird: Auf der einen Seite gigantische Großanbieter, die Nachrichten und Artikel direkt an Endverbraucher verkaufen, auf der anderen Seite eine große Menge von Dilettanten, die ihr Zeugs wahrscheinlich meistenteils kostenfrei raushauen werden. Dazwischen wird es sehr eng werden.

Einer dieser Dilettanten bin sicherlich ich selbst: Ich schrieb schon vor langer Zeit eine Erklärung zum Thema Warum alle meine Texte frei im Netz zu lesen sind. Es ist ziemlich klar, daß es für mich als Dilettanten von größerem Wert ist, meine Texte im Netz frei verfügbar zu machen als sie gewinnmaximiert zu verkaufen.

Die Idee dahinter war immer, daß Spieler im kooperativen Universum mein Zeugs möglichst umstandsfrei Nutzen können und sich dadurch mein Karma vergrößert, während ich Spielern im kompetitiven Universum einen angemessenen Preis mache, jedoch nie exklusive oder sich selbst erweiternde Rechte vergebe. Als Dilettant, also jemand, der nicht von seinem Schreiben leben muß, kann ich mir das erlauben. Es ist ja nur ein optionales, wenn auch mitunter ansehnliches Zubrot.

Die bipolare Welt dort oben wird sicher auch eine solche Trennlinie zwischen kompetitivem und kooperativem Universum enthalten, wobei unklar ist, wie stark sie erkennbar ist bzw. wie undurchlässig sie ist. Das hängt sicher auch davon ab, wie stark die kompetitive Welt ihre zahlenden Kunden zu kriminalisieren versucht bzw. wie aggressiv sie versucht, die kooperative Welt - zugleich zahlende Kunden - auszubeuten.

Die Logik von ‘kostenlos’ erkläre dabei der Artikel Priced To Sell von Malcolm Gladwell im New Yorker. Er geht von einem einfachen Experiment aus: <blockquote>Anderson’s second point is that when prices hit zero extraordinary things happen. Anderson describes an experiment conducted by the M.I.T. behavioral economist Dan Ariely, the author of “Predictably Irrational.”

Ariely offered a group of subjects a choice between two kinds of chocolate—Hershey’s Kisses, for one cent, and Lindt truffles, for fifteen cents. Three-quarters of the subjects chose the truffles.

Then he redid the experiment, reducing the price of both chocolates by one cent. The Kisses were now free. What happened? The order of preference was reversed. Sixty-nine per cent of the subjects chose the Kisses. The price difference between the two chocolates was exactly the same, but that magic word “free” has the power to create a consumer stampede.</blockquote> Es ist diese Logik des kostenlosen, die die kompetitiven Anbieter im Netz fürchten, solange es noch kooperativ arbeitende Leute auf der Welt und im Netz gibt - und sie ist auch der Grund, warum sich die ‘Diskussion’ um das Urheberrecht mehr wie ein Krieg anfühlt.

Die Professionellen meinen - vielleicht zu Recht - daß sie den Dilettanten den Krieg erklären müssen, damit sie überhaupt in der Lage sind, ein differenzierbares und bepreisbares Produkt anzubieten. In dem Moment, in dem die Dilettanten Geld für ihren Output nehmen - und sei es nur ein einziger Cent - stirbt die Logik von Kostenlos und alle Parteien arbeiten in der Sphäre der kompetitiven Welt, die Professionellen haben dann Traktion.

Da man das kostenlose Bereitstellen von Dingen kaum direkt bestrafen kann, muß man also versuchen das Problem anders anzugehen. Zum Beispiel, indem man die Transaktionskosten für die Dilettanten erhöht - durch Erzeugung von Bürokratie kann man vielleicht das kostenlose Anbieten von Zeugs im Web so unattraktiv machen, daß es kein Massenspaß mehr ist. Wir werden davon in Zukunft sicher mehr sehen.

Zur Forderung von Herrn Burda zum Weltkulturerbe erklärt zu werden hat Ulrike Langer in Dann boykottiert doch Google! eine scharfe und sehr deutliche Replik geschrieben. Der Perlentaucher erklärt und entlarvt Herrn Burda dabei in Anja Seeligers Artikel Die vierte Gewalt ist jetzt im Netz. Sie erklärt dabei auch erst einmal die Begriffe - was für ein Unding meint Herr Burda, wenn er von einem Leistungsschutzrecht redet? <blockquote>Ein Leistungsschutzrecht für Verlage bedeutet, dass Verlage künftig auch ohne Einverständnis ihrer Autoren - ja sogar gegen den Willen ihrer Autoren - Zitate aus Artikeln in ihren Zeitungen schützen und damit kostenpflichtig machen können. Die Financial Times Deutschland hat das kürzlich in einem zustimmenden Artikel genauer beschrieben: Gegründet werden soll eine “Verwertungsgesellschaft der Verlage. Eine Gema für Onlinetexte, die im Netz nach illegaler Nutzung fahndet - und fällige Gebühren eintreibt”. Nicht für die Verbreitung ganzer Texte, das ist heute schon illegal, sondern für Zitate!</blockquote> Und da haben wir auch schon die oben erwähnte Erhöhung von Transaktionskosten: Selbst wenn das einen Verlag wie den von Herrn Burda nicht ernährt, so killt es immerhin die Logik von Kostenlos und es zersplittert das Netz.

Diesen Gedanken führt Ulrike Langer in Das Netz besteht aus Verbindungen, nicht aus abgeschotteten Inseln näher aus. Sie macht zugleich deutlich wie krankhaft Print die Site einer typischen Zeitung heutzutage ist - eine solche Zeitung ist die Welt eines Internet-Ausdruckers, eine Print-Zeitung, 1:1 ins Web geholt: <blockquote>Agenturberichte, Kinokritiken oder Kochrezepte gehören nach Verlagsauffassung zu einem vollwertigen Portal dazu. Schließlich sind solche Bausteine, auch wenn sie jeder hat, ja auch Bestandteile der gedruckten Zeitung. Doch das ist Printdenken im Web. Anders als am Frühstückstisch, wo die meisten Menschen nur ein einziges Blatt lesen, sind im Netz die identischen Allerweltsinformationen immer nur einen Mausklick entfernt. So führt das Portaldenken dazu, dass einzigartige Inhalte gegenüber Versatzstücken, die jeder hat, nicht genügend im Vordergrund stehen. Das kleinteilige Design der meisten Zeitungswebsites verstärkt die falsche Prioritätensetzung noch obendrein.</blockquote> Verlage ziehen ihre Zeitung in das Netz hinein, komplett, anstatt für das Web zu produzieren. Die Kieler Nachrichten brauchen im Netz keine DPA-Meldungen - die bekommt man bei DPA oder bei Google. Sie brauchen keine Kino-Reviews, die bekommt man bei der IMDB und bei vielen anderen Sites in der Sprache seiner Wahl und mit vielen tausend Stimmen statt einer. Sie brauchen keine Kochrezepte, keine Reisetipps, keine Rechtsberatung. Die Kieler Nachrichten brauchen im Web Kieler Content. Denn den bekommt man in dieser Form nirgendwo anders.

Oder was im Web zählt ist originaler, einzigartiger Content und die Vernetzung desselben im Kontext des globalen Netzes. Und keine Print-Insel, die ins Web portiert wurde. Der Punkt, auf den Ulrike Langer dabei abhebt ist bei ihr noch einmal explizit gemacht: Es geht um die Ethik des Verlinkens - siehe das von ihr eingebundene Vier-Minuten-Video.

Das wiederum ist aber das genaue Gegenteil eines Leistungsschutzrechts, wie Herr Burda es als Internetausdrucker fordert.

Wo also stehen die politichen Parteien? Bei Wissenschaftsurheberrecht hat Eric Steinhauer unter dem Titel Urheberrecht und Bundestagswahl eine Übersicht erstellt. Bei Golem findet sich auch noch ein Artikel zum nächsten Korb der Urheberrechtsnovelle: Streit über Privatkopien und Open Access formuliert es so: <blockquote>Vor lauter Körben kann man das Urheberrecht kaum noch erkennen. 2003 gab es den sogenannten ersten Korb der Urheberrechtsnovelle, 2008 trat der zweite Korb in Kraft. Mit den beiden Körben wurden im Urheberrecht internationale und europäische Vorschriften umgesetzt. Es wurden neue Schutzrechte zugunsten von Verwertern eingeführt und bestehende verschärft. Wo es um Verbraucherrechte ging, verwies der Gesetzgeber immer wieder auf den nächsten Korb, der die offenen Fragen regeln würde.

Nach zwei Körben sind immer noch viele Fragen offen. Das Bundesjustizministerium arbeitet am dritten Korb und startete dazu im Februar eine Konsultation. Unter anderem wollte das Ministerium wissen, ob die Privatkopiebestimmungen weiter zulasten der Verbraucher eingeschränkt werden sollten; ob intelligente Aufnahmesoftware verboten werden sollte; ob Open Access durch ein “Zweitverwertungsrecht für Urheber von wissenschaftlichen Beiträgen geschaffen werden sollte, die überwiegend im Rahmen einer mit öffentlichen Mitteln finanzierten Lehr- und Forschungstätigkeit entstanden sind; und ob der Handel mit gebrauchter Software auf eine klare gesetzliche Grundlage gestellt werden sollte.</blockquote>

Eine Idee, mit der man die etwas verfahrene Situation abmildern will und die den Strukturwandel dämpfen möchte ist dabei die Kulturflatrate. Marcel Weiss bei Netzwertig wieder: Kulturflatrate - Pro und Contra. Eine Kulturflatrate wäre als Super-GEMA sicher ein bürokratisches Monster und extrem ungerecht. Und die Gema ist schon nicht sehr populär - die Petition für eine Gema-Reform hat anders als die Zensursula-Petition viel weniger exponiert für Unterschriften geworben. Dennoch ist sie schon bei ca. 85.000 Mitzeichnern und es sind noch über zwei Wochen bis zum Ende der Mitzeichungsfrist.

Es ist klar, daß das aktuelle Urheberrecht etwas fördert, das bei Harvard Business von Umair Haque als Zombie Economy bezeichnet wird. Zentrales Zitat: <blockquote>That’s the big problem behind the zombieconomy. We don’t reward people for creating, growing, nurturing, or even remixing assets. We just reward them for allocating the same old assets. </blockquote> In dieselbe Kerbe schlägt der Artikel Die Ideen der anderen von Jens Mühling im Tagesspiegel: Mühling nennt als Beispiel das Grey Album von DJ Danger Mouse, das das White Album der Beatles mit dem Black Album von Jay-Z vermashupte, und der daraufhin von EMI bekriegt wurde.

Hätten wir ein Urheberrecht, das Urheber belohnte, wäre das Grey Album legal, denn es schafft etwas neues und produziert. Aber in unserer Zombie Economy haben wir ein Urheberrecht, das Distributoren und Rechteverwalter belohnt und das Statizität fördert. Hätten wir ein Urheberrecht, daß die Existenz der kooperativen Sphäre wahrnähme und ihr Raum einräumte, dann wäre ein Grey Album als kostenfreier Download gar kein Thema, sondern schlicht legal und guter Ton.

Oder, wie Gwenn es in einem Kommentar zu ‘Falscher Planet, falsches Jahrtausend</a> notiert: <blockquote>Wenn das “Wesen” des Internets die Kopie ist, dann ist ein “Copyright”, also das Recht auf die Kopie und die damit verbundene Einschränkung, immer zugleich ein Angriff auf das Wesen, und damit auf die gesamte Kultur.

Man muss dann zwischen Kopie als Kulturbestandteil und Nutzung zur wirtschaftlichen Ausbeute (wirtschaftliche Nutzung) unterscheiden. Das heißt im Folgeschluss, dass der Besitz der Kopie sowie der Vorgang des Kopierens nicht Ausgangspunkt der Regulierung sein kann.

Genauso muss ein Wandel stattfinden weg vom “Statuserhalt”, also nach hinten gerichtete Ausbeute der nie sterbenden Information (Gewinnabschöpfung aus dem Besitz), hin zur Honorierung der Schaffenshöhe und dem Fortschritt, also dem dynamischen Erarbeiten der Zukunft (Gewinnerzeugung aus dem Schöpfungsprozess). Letztere muss honoriert werden. Dafür muss die Politik die Weichen stellen, nicht umgekehrt.

Das Erzeugen strafrechtlich relevanter Inhalte ist davon völlig unabhängig, und dessen Bestrafung ebenfalls. Dort muss rigoroser vorgegangen werden, denn dort sind wir gerade dabei, die Zeit zu verlieren. Wenn ich die Inhalte “zudecke”, dann erzeuge ich nur weitere Trägheit, und die schon längst vorhandene Kluft zwischen Täter und Strafverfolger wird nur noch größer.</blockquote>

Man kann den Kampf zwischen der kooperativen und der kompetitiven Sphäre auch als Klassenkampf interpretieren, wie Jörg Kantel das in Urheberrecht und Klassenkampf einmal tut. Aber das führt nirgendwohin - nicht für ihn und auch nicht für uns alle, denn es ist rückwärtsgewandt und überkommenen Denkmustern verhaftet. Er schließt: <blockquote>Im Grunde meines Herzens bin ich jedoch Anarchist. Nicht ein Anarchist im Sinne des Stirnerschen Brutal-Individualismus, sondern ein Anhänger kropotkinscher Kooperation und (gegenseitiger) Hilfe. Und in diesem Sinne gilt es, die kropotkinschen Gesellschaftsentwürfe mit der marxistischen Gesellschaftsanalyse zu versöhnen. Wer, wenn nicht ein Pirat, könnte diese Aufgabe übernehmen? Bei all meiner Sympathie für die Linken sind diese mehrheitlich zu sehr im Gestern verhaftet, als daß von Ihnen ein moderner Entwurf zu erwarten wäre.</blockquote> Das ist einer der Gründe, warum sich die Piratenpartei so gerne dem üblichen Links-Rechts-Muster in der Poltik verschließen will und warum sie sich auf ihre Kernthemen fokussiert.