Ich bin Mitglied in der Piratenpartei, aber dieser Text hier ist meine Sicht auf das Thema und nicht eine abgestimmte Position der Piratenpartei. – Kris

Es geht um Urheberrecht und um den Graben des Nichtverstehens zwischen Online und Offline.

Die Position der Piratenpartei zum Urheberrecht wird in Fernseh- und Zeitungsberichten oft falsch oder gar verzerrt dargestellt. Daran ist die Piratenpartei sicher nicht ganz unschuldig, weil die Positionen der Partei in ihren eigenen Texten ideologisch nicht ganz klar formuliert sind.

Aber der Hauptgrund ist tatsächlich, daß in den Medien das Vokabular und die Ideen komplett fehlen, die notwendig sind, um eine der wichtigsten Bewegungen der letzten 40 Jahre korrekt zu erfassen - denn was im Bereich der Software-Entwicklung unter de Namen ‘Freie Software’ subsumiert wird, existiert auch außerhalb dieses Bereiches, aber nicht unter einem einheitlichen Namen. Wir kennen es unter Begriffen wie freie Musik, Creative Commons, Social Media, Blogosphäre und vielen anderen Begriffen mehr. Es steht für eine neue, andere Art von Kulturschaffen, eine, die von der Politik und den traditionellen Kreativen nicht oder nicht vollständig erfaßt wird.

Was genau ist anders?

Nehmen wir einmal eine Site wie Flickr als Beispiel. Leute laden dort Fotos herauf. Viele lizensieren ihre Fotos unter einer der von Flickr angebotenen Creative Commons Lizenzen. Sehr viele User erlauben es, anderen Benutzern von flickr die Fotos zu kommentieren, Kommentare direkt im Bild einzutragen oder die Fotos zu taggen. Flickr stellt Fotos, Kommentare und Tags per Suche, als RSS-Strom und als Download zur Verfügung. Andere verweden Fotos in Flickr als Datenquellen für Mashups oder Flickr-basierende Anwendungen. Fotos werden in Sets, Alben und Pools kategorisiert und kanalisiert.

Der Wert von Flickr als Site ergibt sich nur zu einem kleinen Teil aus dem Hochladen der Fotos - es wäre mir ein leichtes, meine Fotos stattdessen auf meiner eigenen Site in meiner eigenen Gallery zu archivieren und zu publizieren. Das wäre auch kostengünstiger, als sich bei Flickr einzutragen und dann einen Pro-Account zu bezahlen, damit die lästigen Einschränkungen wegfallen, die ein kostenloser Flickr-Account mit sich bringt.

Aber wer sich einen Pro-Account holt, der tut dies in der Regel nicht, um ein Foto-Archiv oder eine Galerie zu haben. Er tut dies stattdessen auch und in vielen Fällen genau deswegen, weil sich aus der Zusammenarbeit mit anderen und der Vernetzung von Inhalten ein Mehrwert ergibt.

Der Mehrwert ergibt sich aus der Zusammenarbeit und der Vernetzung.

Das haben wir doch schon mal gehört?

Metcalfes Law über Kommunikationsnetze sagt da etwas drüber, und die Formulierung ‘Ein Telefon nützt niemandem etwas’ bringt es auf den Punkt. Weswegen die klassischen Kinder-CB-Walkietalkies ja auch immer als Set von Zweien verkauft werden. Das Gesetz gilt so ähnlich aber auch für den Output von kooperativen sozialen Netzen.

Aber worauf ich hier eigentlich hinauswill ist die Zusammenarbeit. Sie ist von einer besonderen Art - sehr menschlich nämlich. Sie ist vorbedingungslos, freiwillig und sie wird gegeben frei von Verpflichtungen, die für mich entstehen - für manche Menschen ist das zusammen die Definition von (Nächsten-)Liebe. Fremde Menschen, die ich womöglich nie persönlich getroffen habe, beziehen sich auf meine Bilder, kommentieren meine Texte, referenzieren meine Werke, zitieren mich, oder bauen ihre Werke und Ideen auf Teilen von meinen Ideen und Werken auf.

Das funktioniert, weil mehrere Dinge zusammentreffen.

Einmal: In dem New Yorker-Artikel über die Logik des Kostenlosen wird gezeigt, daß sich die Dinge verändern, wenn der Preis einer Sache als Null wahrgenommen wird.

Es wird auch gezeigt, daß der Preis einer solchen Sache womöglich nicht wirklich Null ist - er wird nur so wahrgenommen, weil wir feste Infrastrukturkosten mental nicht auf eine einzelne Transaktion umrechnen, sondern als bloße Kosten unserer Existenz pauschal abschreiben - zwar sieht die Steuer bei den Autofahrern unter uns x Cent pro Kilometer als entstehende Kosten unter Berücksichtigung aller Umlagekosten an, aber mental haben diese Autofahrer ‘sowieso ein Auto’ und rechnen pro Fahrt bestenfalls die Spritkosten für den Kilometer an, wenn überhaupt. Man hat das Auto halt ‘sowieso’, da kann man es auch nutzen.

Genauso rechnet niemand die Kosten für Computer, Strom und Netz anteilig an den Transaktionskosten der Flickr-, Blog- oder sonstwie-Teilnahme ab. Man ‘ist halt sowieso online’, man hat ‘den Bug da sowieso weg machen müssen’ oder ‘sowieso grad einen Text fertig geschrieben’. Dann kann man den auch noch mal schnell ins Netz stellen, aufarbeiten, oder sonstwie verfügbar machen. Solange die Kosten für diese individuelle Transaktion so klein sind, daß sie als nicht existent wahrgenommen werden greift die Logik des Kostenlosen - ich will das einmal als subjektive Kostenlosigkeit oder marginale Transaktionskosten bezeichnen.

Zum anderen: Die Vorbedingungslosigkeit des Teilens der Ergebnisse meiner Arbeit heißt nicht, daß das Teilen tatsächlich bedingungslos ist. Lizenzen wie Creative Commons (insbesondere in der BY-SA-Variante) oder Konstrukte wie die GNU General Public License wären sonst unnötig. Tatsächlich gibt es eine Nachbedingung, und diese ist Fairness. So wie ich die Ergebnisse meiner Arbeit zur Verfügung stelle, so sollst Du mit den Ergebnissen Deiner Arbeit umgehen, wenn Du auf meiner Arbeit aufbaust oder sie integrierst. Diese Nachbedingung vermeidet die Tragedy of the commons.

Diese beiden Eckpunkte - subjektive Kostenlosigkeit und Fairness - erzeugen etwas, das in der Welt außerhalb des Netzes weithin unbekannt ist und sehr selten gesehen wird: Sie erzeugen Überfluß und aus dem Überfluß Kooperation, und dadurch noch mehr Überfluß: Wenn ich (erstens) von was auch immer genug für mich habe und ich (zweitens) durch das Teilen keinen Aufwand habe und ich (drittens) bemerke, daß ein anderer mein Teilen nicht zur persönlichen Bereicherung verwendet, dann greift ein Teil der menschlichen Natur, dem das Teilen eine Freude ist und es entsteht eine kooperative Kultur.

Die Kultur des Netzes ist eine solche kooperative Kultur.

Das, was von den Rechteverwertern (und meist gar nicht von den Kreativen) als Piraterie und ‘Diebstahl’ ideologisiert wird, das ist in den Begriffen des Netzes in Wirklichkeit etwas anderes: Es ist Kooperation.

Es ist dieselbe Kooperation, die mich meine Texte kostenlos ins Netz stellen läßt, die Menschen bewegt, alle Charthits der letzten 50 Jahre zu sammeln, zu digitalisieren, korrekt zu taggen und dann über Monate hinweg als Torrent zu seeden. Wir beide bringen eine Dienstleistung für alle anderen Teilnehmer im Netz, wir stellen eine Ressource bereit, die kopiert werden kann, die bezogen und referenziert werden kann, die als Baustein verwendet werden kann, um mehr und Neues zu schaffen. Wir tun das, weil wir das können - das Zeug ist halt sowieso da, da kann ich es auch grad noch publizieren und anderen zur Verfügung stellen. Teilen kostet mich nichts, Distribution und Kopieren sind subjektiv kostenlos.

Es ist die Urerfahrung der Kooperation, einen tatsächlichen nützlichen Dienst zu bringen und das Netz zu bereichnern, die dann von den Rechteverwertern als ‘vollkommenes fehlen jeglichen Schuldgefühls’ verteufelt wird.

Natürlich ist da kein Schuldgefühl, in einer kooperativen Kultur ist so etwas ja auch ein Dienst, etwas Gutes, der Erhalt und die liebevolle Pflege eines Stücks Kultur. Es schafft Kultur.

Diese Sichtweise und dieses Denken ist Rechteverwertern vollkommen fremd. Ihre Aufgabe, die Grundlage ihrer Existenz, ist es ja genau Knappheit zu schaffen, Bedarf zu fördern und Verfügbarkeit so gering zu halten, daß aus dieser Differenz Gewinne abgeschöpft werden können.

Das - dieser fundamentale Unterschied im Denken - ist der Riß, der durch unsere Gesellschaft geht, wenn wir über die Urheberrechtsfrage diskutieren.

Wir haben zwei Universen, das des kooperativen und das des kompetitiven Schaffens von Werken. Das eine verlinkt, bezieht, referenziert und bennent - CC-BY-SA. Das andere denkt über eine Vergebührung von Zitaten - Leistungsschutzrechte - und eine Vergebührung von Bezügen und Verlinkungen - Posnerismus - nach.

Das, was die Piratenpartei in ihrem Programm stehen hat, ist nicht ‘die totale Legalisierung der Raubkopie’, wie heute auf 3sat zu hören. Ja, Bauerfeind, ich schau Dich an! Das, was die Piratenpartei da - ungeschickt - versucht, der Offline-Gesellschaft zu erklären ist meinem Empfinden nach in etwa das:

Das Netz ist eine kooperative Kultur. So etwas kennt ihr nicht, aber so etwas gibt es und es hat im Netz die letzten 40 Jahre gut funktioniert. Der Begriff in Eurem kompetitiven Universum der Knappheit, der unserem Erleben noch am nächsten kommt, ist die Privatkopie, aber eigentlich meinen wir CC-BY-SA, die GPL, und ja, Open Access auch irgendwie, aber das ist noch mal ‘nen Extraartikel wert. Was wir wollen ist eine Re-Legalisierung von dem, was ihr Privatkopie nennt. Aber eigentlich wollen wir, daß die Offline-Gesellschaft den kooperativen/kompetitiven Dualismus im Kulturschaffen des 21. Jahrhunders anerkennt. Wir fordern, daß das kooperative Universum mit seinen characteristischen Eigenschaften der subjektiven Kostenlosigkeit und der Fairness geschützt wird, damit die digitale Allmende weiter gedeihen kann. Wir wollen ein Urheberrecht, daß diese Ideen anerkennt und ihnen Raum bietet.

Das bringt die Piratenpartei so derzeit nicht klar rüber. Weil ihr die Worte fehlen - die Gesellschaft außerhalb des Netzes kennt die Konzepte nicht und hat keine Worte dafür, und den Piraten ist es wie den meisten Netzbewohnern so selbstverständlich, daß sie keine Worte dafür brauchen.