Ingo hat in Dirk Hillbrecht bei “Unter den Linden”, Phönix eine Youtube-Variante von “Unter den Linden” verlinkt. Dort diskutieren Prof. Rupert Scholz (CDU) und Dirk Hillbrecht (Piraten) zum Thema “Unter Piraten - Wem gehört das geistige Eigentum?”. Der Beitrag ging mir dann noch den ganzen Tag im Kopf rum, weil er mich ziemlich schockiert hat.

Das, was Herr Scholz da erzählt und argumentiert hat, kam mir sehr altmodisch und weltfremd vor. Hat der die letzten 20 Jahre keinen Strom und kein Netz gehabt? Und dann ging mir auf, daß genau das der Fall war.

Mein Name ist Kristian Köhntopp. Ich bin in etwa seit dem Jahresende 1987 online, mit Modem an Mailboxen. Morgen feiere ich mein 21-jähriges Unix-Jubiläum:

“Habe mir heute (hoechstwahrscheinlich) einen Zweitrechner bestellt. Endlich UNIX!” – Nachricht mir in der Toppoint Mailbox, 24-6-88 18:42

Google datiert mein ältestes auffindbares Posting im Netz auf 1989 - ich bin also seit mindestens 20 Jahren online. Ich werde Ende diesen Jahres seit 17 Jahren Linux eingesetzt haben. Die Logs und Statistiken meiner eigenen Domain gehen 12 Jahre zurück.

Ich lebe online.

Alle Texte, die ich seit 1983 geschrieben habe, sind auf dem Computer geschrieben worden. Sie liegen auf einem halben Dutzend Rechnern im Netz verstreut. Seit 1986 achte ich darauf, portable Formate zu verwenden, um auch bei einer Migration auf neue Systeme keine Daten zu verlieren. Seit 20 Jahren lese ich laufend meine Mail, ich bin jeden Tag in fünf verschiedenen IM-Systemen zu erreichen.

Ich habe Freunde und Kollegen, die ich noch niemals in Persona getroffen habe. Meine Arbeitgeber seit eineinhalb Jahrzehnten setzen in ihren geschäftskritischen Systemen ausschließlich Open Source Software ein.

Ich bin einige Jahre für eine Firma tätig gewesen, bei der ich weder den finnischen noch den deutschen Firmensitz je betreten habe, und bei der ich erst kurz vor dem Ausscheiden einmal Gelegenheit hatte, den amerikanischen Firmensitz von innen zu sehen.

Ich habe in einem Bewerbungsgespräch gesessen, bei dem mein zukünftiger Arbeitgeber das Gespräch mit den Worten ‘Wir haben uns dann im Web schon mal über sie informiert. Fachlich ist wahrscheinlich alles klar, wir müssen nur noch sehen, ob das menschlich auch paßt.’ eröffnet hat.

Ich mache mir Sorgen, was mit meinem Arbeitsplatz ist, wenn einmal das DSL ausfällt und überlege mir einen Backup-Anschluß via Kabelfernsehen ins Haus legen zu lassen. Dann fällt mir ein, daß mein Mobiltelefon ja eine UMTS-Flat hat und daß ich damit wahrscheinlich überbrücken kann.

Ich reiste beruflich fast drei Jahre durch Europa und die USA, aber ich war immer zu Hause - Eastern Standard Tribe oder in meinem Fall der Stamm der MESZler war immer für mich erreichbar, wo immer ich war: Ich habe nicht mehr oder weniger Kontakt mit meinen Freunden gehabt bloß weil ich mal ein paar Wochen auf einem anderen Kontinent war.

Das ist die Welt, in der ich existiere und das sind die Dinge, mit denen ich jeden Tag umgehe. Sie sind für mich real. Sie definieren und sie finanzieren meine Existenz in dieser Welt, seit mehr als zwei Dekaden.

Ich bin kein Einzelfall. Alle Leute die ich kenne leben auch so, mehr oder weniger. Und deren Freunde auch. Wir sind viele, so viele, daß wir in sechs Wochen 134000 Unterschriften zusammenbekommen ohne das Haus verlassen zu müssen. Wir sind definitiv keine 80 Millionen und wir haben den Rest dieses Landes so dermaßen weit abgehängt, daß wir nicht einmal mehr eine gemeinsame Sprache haben. Wenn irgendwas in dieser Diskussion deutlich geworden ist, dann das.

Rupert Scholz und mit ihm die Partei, die er repräsentiert, stehen für diese Welt der Zurückgebliebenen. Wir nennen sie Alte Männer mit Kugelschreibern oder Internetausdrucker. Wir wissen nicht, wie wir mit ihnen reden sollen und wie wir ihnen unsere Welt erklären sollen, und wir hoffen, daß es eine biologische Lösung für dieses Problem gibt.

Dirk Hillbrecht war sanft mit Rupert Scholz - das muß er auch. Diese Leute glauben, daß noch politischer Gestaltungsspielraum da wäre, weil sie nicht verstehen, was Computer eigentlich sind, was das Netz seinem Wesen nach eigentlich ist.

Unsere Computer sind Kopiermaschinen. Um ein Programm auszuführen muß es von einem Medium in den Speicher, vom Speicher in den Prozessor kopiert werden, ebenso alle Daten. Ergebnisse werden zurück kopiert. Der Befehlssatz eines jeden Rechners hat circa zehn Mal mehr Kopier- als Rechenbefehle.

Unsere Netze sind Kopiermaschinen. Wir sagen wir ‘senden eine Nachricht’, aber das Wort ist falsch. ‘Senden’ impliziert, daß die Nachricht sich bewegt und für den “Ab”-Sender nicht mehr da ist. Das ist in der realen Welt so, aber nicht im Netz: Wir kopieren eine Nachricht an die Empfänger.

Das Wesen aller IT ist die Kopie.

Das Wesen aller Kommunikation und der darauf aufbauenden Kultur ist es auch. Wer jemals eine Retweet-Welle durch Twitter hat laufen sehen, oder einem Exchange-Server beim Verdauen des neusten Powerpoint-Spams mit lustigen Katzenbildern zusehen konnte, der weiß dies aus eigener Anschauung.

Nein, im Ernst - dieses Blog hier ist voll von orignalem Content. Das Zeugs ist nicht ganz schlecht, glaube ich, weil mir Leute schreiben, die das verwenden oder gar bezahlen wollen. Dieses Blog ist auch voll von Links und von Zitaten. Ohne diese Links und Zitate wäre dieses Blog sinnlos. Und dieses Sharing von Inhalten, das Weitergeben von URLs und Texten ist wichtig, denn es macht das Wesen von Nachrichten und Diskussionen aus.

Computer sind Kopiermaschinen. Das Netz macht aus allen Computern auf der Welt eine einzige Kopiermaschine. Und die Generation Rupert Scholz glaubt, daß sie noch politischen Gestaltungsspielraum hat.

Hier ist die Wahl. Sie ist die einzige Wahl. Sie ist digital, wie das Medium, das die Wahl erzwingt:

  1. Kopieren hinnehmen.
  2. jede Kommunikation von Jedermann mit jedem anderen immer auf ihre Legalität hin untersuchen und filtern.

Im Fall 2 bildet sich sofort ein Overlay-Netzwerk und Fall 1 tritt ein - es wird weiter kopiert. Nur daß wir halt eine Gesellschaft mit Überwachung und heimlichem Kopieren bekommen.

Jede der beiden Entscheidungen verändert unsere Lebensart.

Ja, ich habe auch keine Lösung. Ich kann nur garantieren, daß dies die Wahl ist, und daß sie unausweichlich ist. Und meine Präferenz ist auch klar. Sie hängt damit zusammen wie ich lebe.