Wenn man mit Featureentwicklern spricht, dann reden sie immer gerne über tolle neue Dinge die sie gerade eingebaut haben.

Ich bin bei Featureentwicklern und Projektmanagern echt unbeliebt.

Ich rede gerne über Kosten, und über FAIL. Das habe ich mit vielen anderen Sysadmins, Bibliotheksentwicklern und Kernelcodern gemeinsam. Wenn man dort einmal mithört - zum Beispiel auf der Linux Kernel Mailingliste oder unter Stammtischgesprächen von Sysadmins - dann fällt einem bald etwas auf: Dort redet man in der Regel nicht von tollen neuen Features oder was jetzt optimiert worden ist, sondern dort redet man in der Regel von Fehlern, die aufgetreten sind oder von schlechtesten Fällen, und wie man sie triggert. Newsgroups wie de.alt.sysadmin.recovery sind voll von zynischen Geschichten über Komponentenversagen. Die wichtigsten Abschnitte in Ross Andersons Security Engineering sind die Abschnitte, in denen er das Versagen von Sicherheitssystemen beschreibt.

Alle diese Leute - Kernelentwickler, Bibliotheksentwickler und Sysadmins - sind Leute, die normalerweise ständig mit Infrastrukturkomponenten zu tun haben. Und Infrastrukturkomponenten werden nie an ihrem besten Fall gemessen, sondern immer nur an ihrem schlechtesten Fall und an der Art und Weise, wie sie versagen.

Niemand lobt die Stadtwerke, weil sie das Stromnetz 15% effizienter gemacht haben, aber jeder erinnert sich an den letzten Stromausfall, den letzten Kernelbug, in den er rein getreten ist oder das Szenario, bei dem er eine Bibliothek zum Explodieren gebracht hat ( blog.fefe.de )

Featureentwickler tun gut daran, sich diese Denkweise einmal zu eigen zu machen. Ein Freund und Arbeitskollege von mir formuliert es so: “Wenn ich Go spiele und gewinne, dann habe ich nur bestätigt, was ich schon weiß, aber nichts gelernt. Nur wenn ich verliere (und hinterher verstehe, wieso ich verloren habe), dann kann ich etwas lernen.”

Wenn man sich von vorneherein auf Worst-Case-Verhalten konzentriert und versucht, diese Fälle zu optimieren, dann kann man FAIL vermeiden und lernen ohne die Schmerzen aus erster Hand zu erfahren.

Das Problem existiert aber auch auf einer größeren, politischen Ebene. Wir führen Infrastruktur ein - Toll Collect, die Gesundheitskarte, Wahlcomputer oder die Vorratsdatenspeicherung - und führen die gesellschaftliche Diskussion hier meistens auf der Ebene von Featureentwicklern. Mißbrauch, interner Mißbrauch, Versagen von Teilkomponenten, Versagen von Sicherheitsmechanismen, Rückbau, Schadensbegrenzung, Versicherbare Restrisiken sind bei der gesellschaftlichen Betrachung dieser Infrastrukturen keine Themen.