Das Thema “Mittlerfreie Kommunikation” ist ein Komplex von Gedanken, mit dem ich mich im Laufe der Jahre immer wieder auseinandergesetzt habe und das mir in einer ganzen Reihe von Diskussionen immer wieder begegnet ist. Weil dabei jedesmal dieselben URLs raussuchen muß, habe ich sie mir hier einmal als Zusammenfassung weggebloggt.

Ausgangspunkt war eine Diskussion im Usenet in 1997, wo jemand behauptete, daß sich das Medium Buch in den letzten paar tausend Jahren nicht geändert habe. Ich fühlte mich gezwungen, zu widersprechen: Das Aussehen von Büchern mag sich wenig geändert haben, aber die Art und Weise, wie sie produziert werden, hat sich massiv geändert. Und diese Änderungen sind eine Quelle von weitreichenden Struktur- und Gesellschaftsänderungen gewesen (bzw. sind es immer noch). Der Artikel verwendet den Begriff der “Publishing Pipeline”, den ich später zum Begriff des “Mittlers” verallgemeinert habe.

Ein Mittler ist in einer Kommunikation jemand, der am Zustandekommen dieser speziellen Kommunikation beteiligt ist, der also diese spezielle Kommunikation inhaltlich beeinflussen kann.

Im Rahmen der immer wiederkehrenden Zensurdiskussionen (hier: Oktober 1998) gehe ich darauf ein, daß solche Mittler in der Vergangenheit auch eine gesellschaftlich wichtige Kontrollfunktion wahrgenommen haben. Diese Kontrollfunktion fällt jetzt weg, wenn die Vermittlungstätigkeit zu einer Infrastrukturtätigkeit wird, der Mittler also nicht mehr am Zustandekommen einer einzelnen Kommunikation beteiligt ist, sondern nur noch allgemein eine Kommunikationsplattform betreibt.

Der Wegfall dieser dieser Kontrollfunktion führt unter anderem dazu, daß diejenigen Parteien, die sich bisher auf die Kontrollfunktion der Mittler verlassen haben nun versuchen, den Betreiber der Infrastruktur für die Inhalte verantwortlich zu machen, die über sie transportiert werden (Stichwort “Providerverantwortung” und “Providerhaftung”).

Etwas früher, im Juni 1998, schrieb ich etwas über die Auswirkungen von Infrastruktur in Händen der Endnutzer - das ist letztendlich der Gedanke, der hinter P2P steht. Im Artikel gehe ich noch von “dauernd laufenden Servern beim Endanwender” aus, und diskutiere, welche Auswirkungen diese auf die Publikationsmöglichkeiten von Endanwendern haben und wie dies im Kontext der Theorie der mittlerfreien Kommunikation zu sehen ist.

So redet der Text noch von “Bandbreite zu Hause” aus, aber letztendlich ist das irrelevant - heute haben wir nicht nur DSL-Bandbreiten nach Hause, sondern wir haben auch nahezu unbegrenzt Speicher außerhalb des Hauses in Form von Webdav-Diensten, Fotoalblem, Onlinespeichern und Webmail-Postfächern, von traditionellen kostenlosen Webhosting-Angeboten gar nicht zu reden…

Lustigerweise macht der Text eine Kostenvorhersage, die - wenn man sie heute nachrechnet und die Inflation auch noch berücksichtigt - tatsächlich einigermaßen bei den Kosten für einen DSL-Anschluß herauskommt. Zwei Megabit/sec ist das, was die Uni Kiel zur Zeit meines Studiums zur Versorgung der ganzen Universität bereitgestellt hat - aber nicht zu den Kosten eines DSL-Anschlusses, sondern für Tausende von DM…

Im April 2000 taucht das Thema wieder auf. Diesmal geht es um Industriealisierung von Kommunikation. Was bedeutet dieser Begriff?

In industrieller Kommunikation finden sich die Kommunikationspartner gegenseitig ohne vorherige Kenntnis ihrer Existenz und ohne vorher ihre Vertrauenswuerdigkeit oder die Ernsthaftigkeit der gegenseitigen Angebote abschaetzen zu koennen. Dieses Finden kann ueber industrielle Vermittlung, also durch Suchmaschinen und ueber reputation managers (http://www.useit.com/alertbox/990905.html) erfolgen.

Es geht auch um die Frage, wer überhaupt ein Interesse daran haben kann, ob zwei Personen ohne Kontrolle durch einen Mittler oder Filter miteinander kommunizieren dürfen und wieso das eine wichtige Frage ist.

Zum Ausspruch “The Internet treats censorship as damage …” von John Gilmore: Das ist die historisch-kaltkriegerische Formulierung des obigen Sachverhaltes - “MittlerfreieKommunikation” und “freie Wahl des Kommunikationsmodus” sind es, die eine Informationsgesellschaft tatsaechlich definieren.In einer solchen Gesellschaft kann Regulierung nur beim Sender oder beim Empfaenger ansetzen. Wenn bei diesen beiden Parteien keine Kooperation besteht, wird es extrem schwierig werden, die Beruecksichtigung dritter Interessen zu erzwingen. Und das ist genau der Grund, warum “Besitz der Privatsphere” das Wohlstand definierende Kriterium der Informationsgesellschaft ist wie “Besitz von Produktionsmitteln” das Wohlstand definierende Kriterium der Industriegesellschaft war und “Besitz von Land” das Wohlstand definierende Kriterium der Agrargesellschaft.Durchdenkt man das zum Ende, fuehrt dies zwingend dazu, dass wir den Begriffen “Privatsphaere” und “Datenschutz” viel umfassendere Bedeutung zumessen muessen, als dies im derzeitigen Datenschutzmodell und -recht in Deutschland bzw. in der EU bisher der Fall ist.

Ebenfalls aus dem April 2000 stammt ein Artikel zum Thema Jugendschutzfilter unter dem Gesichtspunkt, daß diese Zwangsmittler sind. Der Artikel ist stellvertretend für die ganze Jugendschutzdiskussion ausgewählt und geht das Thema Mittler, Skalierung von Kontrollmechanismen und poltiische Kontrollziele unter diesem Gesichtspunkt “Jugendschutz” an, aber die Gedanken sind im Grunde verallgemeinerbar.

Schließlich taucht das Thema im Januar 2003 noch einmal auf. Um das Thema “Zensur, Filterung und Zugangskontrolle” korrekt zu behandeln, fordere ich, die Fragen korrekt zu formulieren. Die Frage, die eine Gesellschaft sich stellen muß, lautet: Wollen wir mittlerfreie Kommunikation zulassen? Die Frage, die auch kommen muß: Ist das Konzept des Zwangsmittlers technisch und rechtlich durchsetzbar? Ist es gesellschaftlich erwünscht?