Im Nachbeben zu Rumble in the Jungle analysiert Malte Diedrich:

Kai Pahl versucht (immer mal wieder in den Kommentaren), durch beständiges Nachfragen herauszubekommen, was die Blogschreiber eigentlich stört, gibt es doch eine Reihe von Aggregationslösungen wie z. B. Bloglines, Daypop oder Blogdex, bekommt aber nicht so recht eine Antwort.Drei Dinge sind meiner Meinung nach gegenüber den zitierten Lösungen anders: IzyNews will für die Blogtexte Geld haben (es gibt eine kleinere Version mit 20 Feeds umsonst, aber darüber hinaus muss man zahlen), sie ignorieren CC-Lizenzen und sie ändern das Medium.

Die Antwort auf die Frage von Kai Pahl bleibt aus, weil sie in den betreffenden Communities selber nicht ganz sauber definiert ist. Ich will hier zwei Worte einführen, und versuchen deutlich zu machen, welchen Mechanismus wir gerade beobachten.

Es geht im Grunde genommen um die Definition der Begriffe der “kooperativen Wertschöpfung” und “kompetetiven Wertschöpfung”, die ich verwenden möchte, um den Bereich freie Software, Open Source, Creative Commons, Free Documentation License und dergleichen mehr von dem Bereich der kommerziellen Verwertung von Software, Texten, Musik, Filmen und anderem Intellectual Property abzugrenzen.

Wir haben hier inzwischen zwei getrennte Universen, die sich gegenüber stehen und die unterschiedliche Kulturen, Regeln und Bezugssysteme haben. Solange man sich im kooperativen Universum bewegt, spielen Lizenzen im Grunde eine untergeordnete Rolle. Ich gebe Content, Du gibst Code, hier mein Wikipedia-Artikel, da meine Anrufbeantwortersprüche, und da drüben dann meine Band als Podcast. Kein Problem, denn die Leute arbeiten miteinander, bauen aufeinander auf und referenzieren ihre Quellen mehr oder weniger fleißig korrekt.

Lizenzen dienen hier in erster Linie zur Abgrenzung vom kompetitiven Universum, also zur Freund-Feind-Erkennung und als Schutz vor diesem, also zum draußen halten von Feinden. Innerhalb des kooperativen Universums dienen sie mehr als philosphische Definitionshilfen: Durch die Wahl einer Lizenz definiert der Urheber seine ideologische Position innerhalb der kooperativen Wolke, indem er mit Hilfe der Lizenz für sich die Lage der Grenzlinie zwischen kooperativer und kompetetiver Welt definiert.

Zwar unterscheiden sich die verschiedenen Lizenzen deutlich in dem, was sie welchen Mitgliedern des kompetetiven Lagers erlauben, aber letztendlich kommt es innerhalb des kooperativen Lagers trotz der rechtlich sehr unterschiedlichen Lizenzen nur selten zu gegenseitiger Blockierung und im Grunde niemals zu einer rechtlichen Auseinandersetzung. Eher setzt man sich zusammen, diskutiert das Problem aus und findet eine gemeinsame Lösung. Ein Beispiel dafür ist der Dialog um die MySQL Lizenzen, wie ich ihn in MySQL und die Lizenzen auseinanderdividiert habe, und dessen Ende dann in MySQL FLOSS Exception nachzulesen ist.

Mit Vertretern des kompetetiven Lagers wird weniger nett umgesprungen:

GNU GPL in Deutschland demonstriert hier die Vorgehensweise - letztendlich erkennt das kooperative Lager solche Vorfälle als Mißbrauch der Allmende und straft die betreffenden Parteien ab - und zwar durch Ausschluß aus der Welt der kooperativen Wertschöpfung und strikte Anwendung der (Lizenz-) Mechanismen der kompetetiven Welt.

izynews.de wird nun von einer Reihe von Blogautoren als Partei des kompetetiven Lagers wahrgenommen, und die Reaktion dieser Blogautoren entspricht nun exakt der Reaktion der Netfilter-Leute auf z.B. Sitecom und andere Trittbrettfahrer. Der Schlüssel zum Frieden mit den Blogautoren liegt für izynews.de in der Erkenntnis, daß sie als Partei des kompetetiven Lagers wahrgenommen werden, und daß sie daher auch als solche behandelt werden. Bei anderen Diensten ist das (Merkwürdigerweise? Man denke nur an Google Groups!) nicht so, obwohl diese Dienste letztendlich genau dasselbe tun wie izynews.de (und wahrscheinlich auf dieselbe Weise illegal sind).

Der einzige Unterschied zwischen izynews.de und Google Groups ist der, daß es bei Google Groups kein Bezahlangebot gibt, sondern daß man hier das Geld durch Anzeigeneinblendung verdient. Und Google Groups hatte, als sie noch Dejanews waren, eine Zeit lang einen schweren Stand, als man dort versucht hat, wie in Deja Linking Ads Within Usenet Posts? dokumentiert die Werbung als Bestandteil des Artikels anzuzeigen.

Wer die Gefilde der kooperativen Wertschöpfung in der Wahrnehmung seiner Peers verläßt und in den kompetitiven Bereich rüberwechselt, der muß sich darüber klar sein, daß er dann auch mit den Methoden der kompetetiven Wertschöpfung behandelt wird - und das heißt in diesem Fall die harte und spitze Seite des frisch nachgeschliffenen Urheberrechts. Es geht also nur vordergründig darum, daß izynews.de für irgendetwas Geld haben will, sondern es geht im Kern darum, daß izynews.de hier als Mitglied des kompetetiven Lagers wahrgenommen wird, daß sich an der Allmende bereichern will. Dafür gibt es auf’s Maul.

Das von Malte Diedrich angesprochene Ignorieren der CC-Lizenzen ist da nur ein Teil des Problems - mein Blog zum Beispiel steht nicht unter einer CC-Lizenz, sondern hat einen ganz normalen Copyright-Disclaimer. Er steht zwar explizit da, aber das ist nur der rechtliche Default:

Der Inhalt dieses Blogs ist © Copyright 2004 Kristian Köhntopp. Jegliche Reproduktion und Wiederverwertung nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

Letztendlich steht ein Dienst wie izynews.de, der ja Kopien von Inhalten macht und diese Kopien weiter verbreitet, ohne Lizenzen für alles da, CC oder nicht. Genau wie Google Groups, Bloglines, oder letztendlich mein Planet, was das angeht.

Auch Markus Breuer wundert sich über die Reaktion gegenüber izynews.de in izyNews - Service oder Contentklau?:

Was mir in der ganzen Diskussion manchmal schon etwas merkwürdig vorkommet, ist allerdings wie hier das Schwert Creative Commons als Waffe gegen die Nutzung von Inhalten eingesetzt wird. Dazu war CC eigentlich nicht unbedingt gedacht.

Da Rache oder eine andere Emotion hineinzuinterpretieren ist falsch. Es handelt sich einfach nur um vollkommen normale die Abgrenzungsreaktion der kooperativen Wertschöpfer gegenüber jemandem, den sie der kompetetiven Sphäre zurechnen. Creative Commons hat hier, genau wie die GPL, Schutzmechanismen eingebaut, wenn auch andere als die GPL.

Markus ist schon auf der richtigen Spur, denn er zitiert Robert Basic:

Ich bin gespannt, was passiert, wenn Bloglines.com Mehrwertdienste einführt. Wird dann Bloglines von Paulus zum Saulus ernannt?

Genau das. Wobei das hauptsächlich (vergleiche Google Groups) ein Wahrnehmungsproblem und Marketingproblem ist.

Markus führt weiter aus:

Um für einen Burgfrieden zu sorgen, wäre es vielleicht wirklich das einfachste, wenn umgekehrt jeder Betreiber eines Service, der Blog-Inhalte syndiziert, eine einfache Möglichkeit schafft, Weblogs gezielt von seinem Dienst auszuschließen.

Das ist letztendlich der Mechanismus von Google Groups, ein opt-out System. Bei Google ist es der “X-No-Archive: yes” Header, den man setzen muß, damit der eigene Content nicht von Google Groups vereinnahmt wird. Per Default eignet sich Google aber erst einmal das ganze USENET an.

Das skaliert sich nicht, für keine der beteiligten Parteien. Nein, was wir brauchen ist ein Opt-In System, und eines, mit dem sich differenzierter ausdrücken läßt, was erlaubt ist und was nicht: Ein Rechtemarkupsystem muß her und als Bestandteil des Feeds mit verbreitet werden. Die Systeme, die in der kompetetiven Sphäre bereit entwickelt worden sind, leisten hier nicht das gewünschte. Sie sind wie XrML grundsätzlich durch Schutzmechanismen der kompetetiven Sphäre unbrauchbar gemacht, was zu ihrer Herkunft paßt: Sony und Microsoft spielen mit. Außerdem definierten sie, wie man am Beispiel von XMCL sehen kann, die falschen Rechte. Die kooperativen Wertschöpfer und ihre Lizenzen legen Wert auf andere Dinge als useDuration und useCount, Dinge mit denen sich solche Systeme aus der kompetetiven Sphäre nicht beschäftigen.

Markus schließt mit:

Alles in allem scheint mir dieser Fall (und ähnliche) ein wunderbares Lehrstück dafür zu sein, wie hilflos eine Gesellschaft, ihr Rechtssystem, ihre Moral, ihre Wirtschaft etc. vor neuen technologischen Möglichkeiten stehen kann.

Ich empfinde das nicht so. Probleme gibt es immer nur dann, wenn Mitglieder der kompetetiven Sphäre meinen, sie könnten die Regeln der kooperativen Sphäre ignorieren, weil die kooperativen Wertschöpfer untereinander das tun. Die Kompetetiven bekommen dann nach den Regeln, die sie selbst geschaffen haben, auf die Finger. Müssen sie, damit die kooperative Allmende erhalten werden kann.

Das ist ja genau der Grund, warum die Fackelträger der Kompetetiven versuchen, kooperative Lizenzen mit Schutzmechanismen wie die GPL als “viral”, “böse”, “illegal” oder sonstwie “ganz schlimm” darzustellen, allen voran Microsoft und die von Microsoft bezahlten Astroturfer.

Lizenzen mit Schutzmechanismen schaffen einen geschützten Bereich, in dem kooperatives Verhalten möglich ist und unter anderem durch niedrige Transaktionskosten belohnt wird. Sie bestrafen Leute, die die Kooperation verletzten, indem sie ihnen die viel höheren Transaktionskoste des kompetetiven Bereichs auferlegen (“Zieh erst mal Deine Lizenzen gerade.”) und sie von der Nutzung der freien, aber nicht kostenlosen kooperativen Werte ausschließen (Der zu zahlende Preis ist die Einhaltung der Regeln der Kooperation).

Das neue, kompetetive Urheberrecht ist dazu blendend geeignet.Denn offensichtlich gilt es auch dann, wenn die Urheber keine Megakonzerne sind, sondern Tausende von verstreut agierenden Autoren. Wenn das neue Dienste behindert, dann ist das Recht entweder zu restriktiv, und muß gelockert werden (und zwar generell gelockert und nicht selektiv - so haben auch die kooperativen Wertschöpfer was davon), oder die Dienste müssen ihr technisches Konzept so überarbeiten, daß sie mit der juristischen Seite ihrer Dienstleistung von vorneherein korrekt klarkommen (also kompetetiv wasserdicht agieren).

Die gesellschaftliche und vor allen Dingen die politische Diskussion versagt insofern, und da hat Markus recht, als daß die Existenz, die Daseinsberechtigung und der Wert der kooperativen Wertschöpfungsmechanismen in der politischen Diskussion und in der aktuellen Gesetzgebung keinen Niederschlag gefunden haben. Weder im Urheberrecht, noch im Markenrecht, noch im Patentrecht. Und das ist der zentrale Punkt, der geändert werden muß, indem die Parteien benannt werden (das versuche ich durch die Einführung dieser Begriffe), und indem ihre Interessen geeignet geschützt werden.